Kultur : Gentechnik: Eingepflanzt

Dagmar Dehmer / Martina Ohm

Die Armut in den Entwicklungsländern könnte wirksam bekämpft werden, wenn diese einen besseren Zugang zu moderner Technologie hätten. Das stellen die 13 Autoren des "Berichts über die menschliche Entwicklung 2001" fest, den sie am Dienstag im Auftrag des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) vorgelegt haben. Das gilt aus ihrer Sicht ausdrücklich auch für die "Grüne Gentechnologie".

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik "Die gegenwärtige Diskussion in Europa über gentechnisch veränderte Pflanzen ignoriert weitgehend die Anliegen und Bedürfnisse der Entwicklungswelt", heißt es in dem Bericht. Während in den Industrieländern Themen wie Nahrungsmittelsicherheit und Allergien in der öffentlichen Debatte eine große Rolle spielten, interessiere man sich in den Entwicklungsländern vor allem für bessere Ernteerträge, gesündere Ernährung und für eine Verringerung der Pestizide. Diese Eigenschaften erhoffen sich die Verfasser der Studie von transgenen Pflanzen. Co-Autor Andreas Pfeil sagt: "Die Debatte in Europa ist ziemlich irrational." Sie berücksichtige zu wenig, dass weltweit mehr als 800 Millionen Menschen hungern.

Das Potenzial für transgene Pflanzen, denen Gene fremder Organismen eingeschleust werden, sei hoch, allerdings sei auch das Risiko gerade in Entwicklungsländern hoch, schränkt Pfeil ein. Trotzdem setzen sich die Autoren vehement dafür ein, den Nutzen der neuartigen Pflanzen höher anzusetzen. Probleme mit der Sicherheit von Nahrungsmitteln seien oft das Ergebnis schlechter Politik, mangelhafter Vorschriften und fehlender Transparenz. Allerdings weiß Andreas Pfeil, dass genau das für die meisten Entwicklungsländer die Hürde ist, die sie nicht überspringen können. Selbst wenn es gute Gesetze gibt: Der Aufbau einer kompetenten Kontrollinstanz überfordert die meisten Entwicklungsländer.

Wegen fehlender Nachfrage und mangelhafter staatlicher Finanzierung blieben bisher viele Chancen ungenutzt, beklagt der UNDP-Bericht. Das sieht auch der Freiburger Gentechniker Peter Beyer so, der an der Entwicklung von gelbem, Beta-Karotin-haltigem Reis beteiligt war. Dieser so genannte Goldene Reis enthält mehr Pro-Vitamin A und soll verhindern, dass Menschen, die sich überwiegend von Reis ernähren, Vitamin-A-Mangel erleiden, der zur Erblindung führen kann. Beyer und sein Team wollten Kleinbauern ihren transgenen Reis kostenlos zur Verfügung stellen. Allerdings ist die Pflanze bisher ein reines Laborprodukt. Das Internationale Reisforschungszentrum auf den Philippinen sollte aus dem "Goldenen Reis" eine anbaufähige Nutzpflanze machen. Doch dem Institut fehlt es an Geld. "Eine nicht-kommerzielle Weiterentwicklung ist fast unmöglich", sagt Beyer. Da tröstet es ihn wenig, dass der UNDP-Bericht seiner Zeit weit voraus ist, und behauptet, der "Goldene Reis" werde längst angebaut.

Benny Haerlin, Internationaler Koordinator der Greenpeace-Gentechnik-Kampagne, wundert sich, dass das UNDP dieser "Propaganda der Saatgut-Industrie aufgesessen ist". Bisher seien die "segensreichen zusätzlichen Eigenschaften" transgener Pflanzen vor allem "ein Versprechen der Industrie". Auf dem Markt sind bisher lediglich Sorten, die gegen Unkrautvernichtungsmittel restistent sind, oder denen das Gen eines Bodenbakteriums eingebaut wurde, mit dem die Pflanzen ein Insektizid produzieren können. Haerlin hält es für wichtiger, dass die bereits existenten Techniken für Kleinbauern in den Entwicklungsländern nutzbar werden. Dass das nicht geschieht, liebe liege aber unter anderem an den Vereintn Nationen und der Weltbank. Sie hätten die Agrar-Fördermittel für die Dritte Welt von 3,5 Milliarden Dollar (rund 7,7 Milliarden Mark) 1989 auf weniger als 500 Millionen Dollar (rund 1,1 Milliarden Mark) im Jahr 1999 gesenkt.

Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) wie Greenpeace oder German Watch ärgern sich besonders über den Vorwurf, sie führten mit ihrer Ablehnung transgener Pflanzen eine Luxusdiskussion. Haerlin verweist auf die vielen NROs in Indien, in denen sich Bauern gegen die neuartigen Saaten wehren. Oder auf Brasilien, immerhin auch ein Entwicklungsland, in dem der Anbau transgener Pflanzen verboten ist. Martina Schaub von German Watch sagt: "Wir können uns den Luxus leisten, eine Entscheidung zu treffen, und auf gentechnisch veränderte Nahrungsmittel zu verzichten." In den meisten Entwicklungsländern fehle es allein schon an der Information darüber.

Die Welthungerhilfe dagegen ist nicht prinzipiell gegen transgene Pflanzen. "Aber wir warnen davor, zu glauben, dass die Gentechnik den Hunger in der Welt beseitigt", sagt Pressesprecherin Simone Pott. An bewaffneten Auseinandersetzungen und Flucht könnten Gentech-Saaten ebenso wenig ändern wie daran, dass Hungernde meist weder Zugang zu Land noch zu den Märkten hätten. Das weiß auch Peter Beyer. Er hält es jedoch für eine Illusion, die Ungerechtigkeit der Ressourcen-Verteilung überwinden zu können. Dann sei es immer noch besser, der Mangelernährung mit technischen Mitteln zu Leibe zu rücken. So sehen das auch die Autoren der UNDP-Studie. Sie stellen nüchtern fest: "Technologie ist eine wichtigere Ursache für Fortschritte bei der menschlichen Entwicklung als höhere Einkommen oder höhere Bildung bei Frauen."

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