Kultur : Gentechnik: Gefrorene und Geborene

Bernd Ulrich

Kein Mensch will mehr böse, alle wollen gut sein. Darum kann man heutzutage sicher sein, dass auch das Böse, das allzu Gefährliche, das Fatale in Gestalt der Nächstenliebe einherschreitet - und zunächst auch Nächstenliebe sein kann. Nehmen wir ein sechsjähriges Mädchen, das an einer seltenen, lebensbedrohlichen Erbkrankheit leidet. Dieses Kind bekommt einen Bruder, aus dessen Nabelschnur werden - in den USA - einige Zellen entnommen. Mit denen kann dem Mädchen geholfen, ihre Überlebenschancen um bis zu 90 Prozent gesteigert werden. Was sollte daran schlimm sein? Nichts, gar nichts. Im Gegenteil, es ist eine anrührende Geschichte von Solidarität unter Blutsverwandten und zugleich eine vom Segen des medizinischen Fortschritts.

Auch dass der kleine Bruder in der Retorte gezeugt wurde, kann für sich kaum als Sündenfall gewertet werden. Das Problem ist nicht Adam, der Junge, und erst recht nicht Molly, das kranke Mädchen. Das Problem sind ihre vierzehn namenlosen Geschwister, die uneingepflanzten Embryonen. Sie werden irgendwann weggeworfen oder anderweitig vernutzt. Diese vierzehn haben das Pech, dass sie die gleiche Krankheit in sich tragen wie ihre Schwester in spe. Oder sonstwie nicht als Zellenspender in Frage kommen. So wurden sie zum bloßen Rohmaterial für Molly, für ihr lebendiges Medikament. Und auch Adam, der eingefrorene 15., durfte nur deshalb zur Welt kommen, weil er ein geeigneter Spender ist.

Man nennt das Verfahren PID, Prä-Implantations-Diagnostik. In Deutschland ist es verboten. Hierzulande wurde so entschieden, als es noch gar nichts zu entscheiden gab, weil die Wissenschaft so weit noch gar nicht war. Würde man wieder so entscheiden? Könnte man den deutschen Mollys dabei in die Augen sehen? Aber die vierzehn anderen, die ungeeigneten, die darum ungeborenen? Sie haben keine Augen.

Ist das schon das Böse, Gefährliche, Fatale? Vielleicht noch nicht. Aber es wird eine neue Abwägung getroffen, nicht nur zwischen geborenem und ungeborenem Leben, sondern auch zwischen dem Leben von Molly, das als fraglos schützenswert gilt, und dem von Adam, der nicht leben würde, wenn er für seine Schwester nicht von Nutzen wäre. Sollte es darauf hinauslaufen, dass es zwei Sorten Mensch gibt? Das wäre dann doch das Böse, das keiner will.

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