Kultur : Geometrie und Gesellschaft

Klassiker des Neuen Bauens: Max Tauts Schulgebäude am Nöldnerplatz wird heute wiedereröffnet

Michael Zajonz

„Architektur ist eine soziale Kunst.“ Diesen Satz schrieb Adolf Behne, der bedeutendste Architekturkritiker der Weimarer Republik, 1927 in einem Buch über den Architekten Max Taut. Man möchte ihn noch nach 81 Jahren sofort unterschreiben – nicht nur, weil er gültig geblieben ist, sondern weil er von jeder Generation neu eingelöst werden muss.

An diesem Wochenende wird die Aula der Max-Taut-Schule am Nöldnerplatz wiedereröffnet, die Max Taut, der jüngere Architekten-Bruder des Baumeisters Bruno Taut, zwischen 1929 und 1932 entworfen und errichtet hat. Mitten in der Weltwirtschaftskrise, in Rummelsburg, im Arbeiterbezirk Lichtenberg.

Die Taut-Brüder gehörten zu den prominentesten Baukünstlern der zwanziger Jahre. Nach einer Zeit intensiven Nachdenkens über gesellschaftliche Utopien – beide gehörten nach dem Ersten Weltkrieg zum Architektenkreis „Gläserne Kette“ – entschieden sich Max und Bruno Taut für das „Neue Bauen“. Vereinfachend könnte man sagen: Bruno entwarf die modernen Großsiedlungen Berlins wie das Britzer „Hufeisen“, Max baute die Schulen und Gewerkschaftshäuser dazu.

Auch die Wiedereröffnung der TautAula in Lichtenberg ist ein im schönsten Wortsinn soziales Kunstereignis. Plakate dazu hängen in den Fenstern der angrenzenden Imbissbuden, wo der „Döner für Schüler“ 1,50 Euro kostet. Unter dem Motto „Medium Taut“ treffen Künstler auf Berufsschüler der Taut-Schule, diskutieren Politiker wie der CDU-Kulturexperte und Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Uwe Lehmann-Brauns mit Kennern des Tautschen Werks. Martin Wuttke liest Texte des expressionistischen Dichters und Taut-Freundes Paul Scheerbart, es gibt Musik, Licht- und Soundinstallationen, die Uraufführung eines Max-Taut-Kurzfilms, kurz: Endlich wird ernsthaft der Versuch unternommen, Tauts Idee einer „öffentlichen Aula“ mit neuem Leben zu erfüllen.

Über sechs Jahrzehnte lang war die Aula, die sich mit dunkelroten Backsteinmauern und dynamisch geschwungener Fassade als kleine Schwester der von Erich Mendelsohn als Kino entworfenen „Schaubühne“ gibt, alles andere als öffentlich: eine Ruine, zerstört von Brandbomben, ausgeweidet im Häuserkampf der letzten Kriegstage. Claudia Kruschel, die als Projektleiterin des Berliner Architekturbüros Max Dudler zwischen 2005 und Ende 2007 den Wiederaufbau geleitet hat, stieß beim anfänglichen Sichten in einem der Nebenräume noch auf Essgeschirre und Stahlhelme von Hitlers letztem Aufgebot.

Konserviert hatte sich der unmittelbare Nachkriegszustand der Aula – rohes Betongerippe, offenes Dach – bis in die Nachwendezeit hinein. Seit den neunziger Jahren wurde die ansonsten weit besser erhaltene Taut-Schule, ein gewaltiger dreigeschossiger Baukomplex zwischen Fischerstraße und Schlichtallee, vom Berliner Architekturbüro Pitz und Hoh denkmalgerecht saniert. Christine Hoh hat ihre Forschungen über die Taut-Schule, einen der größten Schulkomplexe der Weimarer Zeit, der heute als Oberstufenzentrum für Berufsschüler der Versorgungs- und Reinigungstechnik genutzt wird, in einem schönen Buch zusammengefasst. Die Aula als Herzstück der weitläufigen Anlage haben sie und ihr Büropartner Helge Pitz jedoch nicht saniert.

Den Zuschlag bekam in einem Architekturwettbewerb 2002 der in Berlin lebende Schweizer Max Dudler. Dudler baut derzeit die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität am Bahnhof Friedrichstraße. Und logiert mit seinem Büro selbst in einem Gebäude von Max Taut: dem zeitgleich mit der Lichtenberger Schule entstandenen Kaufhaus der Konsumgenossenschaft am Kreuzberger Oranienplatz. Ein neusachlich-disziplinierter Bau, der schon lange kein Kaufhaus mehr ist. Aula-Projektleiterin Claudia Kruschel bestätigt beider Seelenverwandtschaft. Tauts Architektursprache träfe Dudler „mitten ins Herz“. Und doch ist es dem rationalistisch gesinnten Schweizer nicht möglich gewesen, den kriegszerstörten Alten Meister eins zu eins nachzubauen. Zu viel von Taut war substanziell verloren und hätte sich auch anhand der spärlich vorhandenen alten Fotos nicht zweifelsfrei rekonstruieren lassen.

Die Außenfassaden haben Dudler und seine Mitarbeiter noch einigermaßen „original“ hinbekommen, selbst wenn große Teile der Seitenwände mit nachgebrannten Ziegeln neu aufgemauert werden mussten. Nur bei der Farbgebung der großen Stahlrahmenfenster – außen schwarz, innen weiß – wich man auf neutralen Boden aus, weil die historischen Fotos keine exakte Information hergaben.

Im Innern konnte Tauts Farbigkeit an Wänden und Böden – Blau, Schwarz und gebrochenes Weiß im Foyer; Ockergelb und mehrere Rotbrauntöne im Saal – annähernd wiederhergestellt werden. Dafür mussten viele Bauteile und Details, etwa die mit dunkler Eiche furnierten Türen, neu „erfunden“ werden. Herausgekommen ist ein harmonisch wirkendes Miteinander von Alt und Neu, dem sich auch moderne technische Einbauten wie Hubpodium und Teleskoptribüne unterordnen. Max Taut, der zeitlebens Farb- und Formmagier und zugleich Pragmatiker gewesen ist, wäre wohl zufrieden.

Bewähren muss sich die Aula nun im Betrieb. Klar, dass das Oberstufenzentrum allein den neuen Spielraum der Möglichkeiten nicht füllen kann. Der Theaterregisseur Christian Bertram, der mit seinem Kulturverein „Mahagonny“ das Eröffnungswochenende koordiniert, sieht in der Taut-Aula „eine Schnittstelle zwischen Bildung, Kultur und Öffentlichkeit“. Und hofft auf die dauerhafte Finanzierung für ein externes Betreibermodell. Architektur als soziale Kunst: im Idealfall die Heimat vieler Künste.

Max Taut-Aula in Berlin-Lichtenberg, Fischerstraße 36/Ecke Schlichtallee, nahe S-Bahnhof Nöldnerplatz. Programminformationen zur Wiedereröffnung unter www.medium-taut.de

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