Georg Baselitz im Interview : Mal’s noch einmal!

Meister des Kopfstands: Der Künstler Georg Baselitz äußert sich im Tagesspiegel-Interview über seinen 70. Geburtstag, Schuldgefühle und den Spaß am großen Format.

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Mit leichter Hand: Georg Baselitz vor seinem Gemälde "Lenin on the Tribune" von 1999. -Foto: dpa

Herr Baselitz, Ihre Berliner Galerie eröffnet heute eine Ausstellung, die schlicht Ihr Geburtsdatum als Titel trägt. Was für ein Verhältnis haben Sie zum Alter?



Gar keins. Man gewöhnt sich dran. Unangenehm, so ein Altersgeburtstag. Immer diese Fragen: Wie fühlst du dich? (lacht)

Ihre Gemälde sind auf einmal zart und aquarellartig. Die Kritik feiert Ihre Remix-Bilder, für die Sie sich Ihre alten Motive noch einmal vorgenommen haben, und der Ausstellungsbetrieb reißt sich um Sie: zuletzt die Royal Academy in London, nun die Hamburger Deichtorhallen
.

Ich hätte aufhören können, aber mir fielen dann immer neue Bilder ein. Mein Galerist Michael Werner und ich überlegten manchmal, ob wir den Künstler nicht sterben lassen sollen wegen der erhofften besseren Verkäufe. Das ist auch eine Strategie.

Wäre das eine ernsthafte Option für Sie gewesen?

Man kann alles steuern, sogar Künstler erfinden, die es gar nicht gibt.

Gerade mit Ihren letzten Bildern, der Revision Ihres frühen Werks, scheinen Sie sich selbst neu erfunden zu haben.

Revision, das klingt viel zu buchhalterisch. Ich musste einfach weiterkommen. Nachdem die Malerei um mich herum so bunt blühte, fühlte ich: Meine Güte, Du bist am Verwelken, jetzt mach mal hinne. Da ich mit meinen eigenen Sachen in einer vollkommen hermetischen Welt lebe, habe ich mir das Naheliegende gedacht: Widersprich all dem, was du vorher gemacht hast! Mach’s noch mal!

Hat der Erfolg der Bilder Sie überrascht?

Robert Fleck, der Kurator der Hamburger Ausstellung, hat dafür eine wunderbare Definition gefunden. Normalerweise werden Künstler immer zu ihrem Geburtsjahrhundert gerechnet, weil sie für das jeweilige Neue nicht taugen. Laut Fleck bin ich der Erste, der den Sprung ins neue Jahrhundert geschafft hat, indem ich neu angefangen habe.

Würden Sie Ihre neuesten Arbeiten trotzdem als Alterswerk bezeichnen?

Jedenfalls gibt es die Furcht vor dem Alterswerk, die Angst vor dem Abschlabbern. Dieses Scheitern lässt sich in vielen Alterswerken beobachten, meist aus biologischen Gründen; Otto Dix und Wilhelm Meidner haben sich vom Krieg in ihren Arbeiten nie wieder erholt  , bei Picasso war es die versiegende Potenz.

Haben Sie systematisch nach einer Gegenstrategie gesucht?

Ja, denn ich spürte, dass ich nach all den ideologischen Kämpfen um die Malerei und ihren heutigen Erfolg in der jungen Generation plötzlich abgemeldet war. Alle zitierten mein Werk, aber mich gab es nicht mehr.

Wie haben Sie Ihren neuen Stil gefunden?

Ich habe über die Jahre mehrere Images entwickelt – die Helden, die große Nacht im Eimer, die umgedrehten Bilder. Das sind fast mehrere Künstlerleben in einem, anders als bei Morandi, der seinem Stil zeitlebens treu blieb. Das Medium, sogar die Motive habe ich beibehalten. Nur die Methode, die Erscheinung, wurde variiert. Die neuen Werke sind wie eine Karikatur, ein Kürzel der alten Bilder. Gleichzeitig habe ich das Format vergrößert in Hinblick auf den Markt, auf die Hantierbarkeit, denn 3-Meter-Bilder passen nicht mehr einfach in ein Zimmer. Ein weiterer Vorteil: Sie werden durch ihre Größe unübersehbar. Solche Frivolitäten, diese Leichtigkeit sind neu. Die früheren Motive waren Erfindungen; jetzt habe ich meine alten Bilder als Modell. Das macht die ganze Sache ideologiefrei.

Frei von Ideologie sind auch Ihre RussenBilder. Sie malen die Propagandabilder Ihrer DDR-Jugend mit geradezu leichter Hand nach.

Ich bin mir nicht im Klaren darüber, ob das nun gut oder schlecht ist. Oftmals bin ich nur sentimental, wenn ich mir diese Bilder ansehe, diese kräftigen Frauen mit ihren Kopftüchern und Getreidesäcken. Sie gehörten zu meiner Schulzeit. Ein Trauma verarbeite ich damit jedenfalls nicht.

Bei anderen rufen diese Bilder von Stalin und Co. allerdings traumatische Erinnerungen wach.

Es gab da einen Leserbrief, der mich nachhaltig irritiert hat. Eine Chinesin beschwerte sich darin über Andy Warhols Porträts von Mao, der schließlich ein entsetzlicher Übeltäter gewesen war. Sie verstand nicht, wie der Westen einem solchen Bild huldigen könne. Mir selbst fiel es bis zum Schluss schwer, Stalin zu malen. Aber dann erinnerte ich mich einer Arbeit von Picasso, der ihn gezeichnet hatte. Das war dann mein Modell. Bei Marx, Engels und Trotzki half mir Diego Rivera. Meine letzten Bilder stecken alle voller Zitate, voller Dinge, die einfach Spaß machen.

Ist die spielerische Haltung in Technik und Inhalt, mit der Sie diese eigentlich hoch aufgeladenen Bilder malen, also dem Alter zu verdanken?

Früher musste alles mit Vehemenz durchgesetzt werden: das Malen überhaupt, das schlechte Malen, das schweinische Malen. Diese Phase ist vorüber. Und selbst wenn noch diese Zeit wäre, so bin ich doch selbst darüber hinweg.

Ist das eine Art Reinemachen? In den letzten Jahren halten Sie auf alles noch einmal Rückschau – Ihr eigenes Werk, Ihre Familie, die Bilder Ihrer Jugend.

Ich bin mir plötzlich einer Schuld bewusst geworden, eines großen Egoismus, einer Ignoranz. Ich bin ja 1957 weg aus dem Osten, habe mich selber durchgebracht und dabei vergessen, was ich verlassen habe. Das war ein Hauptproblem der Leute, die damals gegangen sind: dass sie als treulos galten. Jemand, der abhaut, entzieht sich seiner Verantwortung, dem Reinen-Tisch-Machen. Wir DDR-Flüchtlinge wurden mit Häme behandelt: nicht als mutige Leute, sondern als Feiglinge. Nach der Wende bekam ich eine gewisse Plümeranz. Aber da ich nicht gläubig bin und nicht dieses Sündenempfinden habe, von dem es eine Freisprechung gibt, bleibt dieses Schuldgefühl. Selbst durch vieles Malen kann man das nicht wiedergutmachen. Dieses Handicap bleibt. Für mich gibt es kein Reinemachen. Ich kann diese Bilder nur besser machen, damit sie nicht leiden unter dem ganzen Dreck.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn

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