Georg-Büchner-Preis 2012 : Asozialer Beruf

Kunst darf nicht zu fassen sein, sie muss sich entziehen: Die Verleihung des Georg-Büchner-Preises in Darmstadt an Felicitas Hoppe.

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Foto: dapd
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Sieben Reden in rund 150 Minuten. Sonst nichts. „Ganz ohne Streichquartett und Kinderchor“, wie Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, es in seiner Begrüßung (erste Rede) formulierte, „ohne Jingles und Publikumsjoker.“ Drei Akademiepreise, die traditionell an einem Samstagnachmittag im Staatstheater Darmstadt verliehen werden; drei Laudationes, drei Dankesreden. Man habe sich, so Detering, im 2011 neu gewählten Vorstand gefragt, ob diese Masse an Wortbeiträgen noch zeitgemäß sei, in einer Epoche angeblich stetig sinkender Aufnahmefähigkeit – um dann doch alles beim Alten zu lassen: „Wer, wenn nicht wir?“ Es bleibt also dabei, wie es auch beim Standort der Akademie in der Büchnerstadt Darmstadt bleibt, wenn man Deterings Bekenntnis Glauben schenken darf.

Und die Darmstädter kommen! Da sitzt nicht nur das geladene Publikum, bestehend aus Akademiemitgliedern oder Protagonisten des kulturellen und politischen Lebens; da sitzen Bürger, die dabei sein wollen, wenn der nach wie vor bedeutendste Literaturpreis Deutschlands, der mit 50 000 Euro dotierte Büchnerpreis, vergeben wird. Felicitas Hoppe hat ihn bekommen, zu Recht. Denn die 1960 in Hameln geborene Autorin schreibt, wie ihr Laudator Hubert Spiegel in seiner gut gelaunten Laudatio festhielt, „eine makellose, ganz und gar unverwechselbare Prosa“. Hoppe, die zuletzt für ihren Roman „Hoppe“, in dem sie sich ihre Traumbiografie als Eishockeyspielerin, Weltreisende und Dirigentin erschreibt, gefeiert wurde, habe bereits mit ihrem ersten Erzählungsband „Picknick der Friseure“ gezeigt, dass sie ihrer eigenen Poetik folge. Einer Poetik, der es um „Reibung an einem realistischen Erzählbegriff“ gehe, „der zu jener Zeit, Mitte der neunziger Jahre, einen bestimmten Typus generationenspezifischer Kurzprosa hervorgebracht hatte.“

Die Preisträgerin selbst unternahm in ihrer eher kurzen Dankesrede den Versuch, ihr Werk im Werk Georg Büchners zu spiegeln, um gleichzeitig den Schriftsteller in seinem Dasein vor jeglichen Forderungen von außen in Schutz zu nehmen. Ein Graben tue sich auf „zwischen dem, was ein Schriftsteller ist, und dem, was er soll“. Wie ihre Prosa selbst auch, oszillierte Hoppes Rede zwischen funkelnder Ironie und tiefer Ernsthaftigkeit, die nicht zuletzt auch stets von der Einsamkeit grundiert ist. Ihr Beruf sei ein „asozialer“ und einer, den sie sich nie ausgesucht habe: „Ich wollte nie Schriftsteller werden, ich war das einfach schon immer. Ich schreibe, seit ich sieben bin.“

Am Vorabend der Verleihung hatte Felicitas Hoppe in der Darmstädter Orangerie unter anderem einen ihrer frühen Kindheitstexte mit dem Namen „Roy Tiger“ vorgelesen. Auch hier: Verstöße gegen das „Pflichtenheft der Literatur“, das Hoppe ganz unten in ihrer ästhetischen Wundertüte versteckt haben muss. „Kunst ist nämlich, was nicht zu fassen ist, was sich entzieht, nicht gehorcht, was uns unheimlich ist, weil es sich, genau wie Leben und Sprache, ständig verändert.“

Zwei vergnügliche Reden also, nicht allzu gewagt, aber mit Gewinn zu hören. Und doch stellt sich angesichts der gesamten Veranstaltung die Frage, warum alles stets so brav, so manierlich, so risikolos und akademisch korrekt zugehen muss. Denn vor die Büchnerpreisverleihung hat die Akademie die Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa gesetzt. Merck-Preisträger Heinz Schlaffer gelang eine wunderbare literaturwissenschaftliche Miniatur, die anhand einer Passage aus Jean Pauls Roman „Flegeljahre“ die Position der Literatur zwischen Verantwortung und Ästhetizismus auslotete. Und Freud-Preisträger Ernst-Wolfgang Böckenförde, ehemals Richter am Bundesverfassungsgericht, setzte eine mit Szenenapplaus bedachte Spitze gegen die aktuelle Europapolitik. Die dröge Böckenförde-Laudatio von Bernhard Schlink allerdings, die die so wohlfeile wie simple Leitthese, dass die Schönheit des Stils aus der Klarheit des Gedankens erwachse, endlos auswalzte, war eine harte Geduldsprobe. Der Mann ist doch nicht nur Jurist, sondern auch Schriftsteller! Gut, dass Hoppe die Sphäre des literarischen am Ende wiederherstellte. Christoph Schröder

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