Georg-Büchner-Preis für Jan Wagner : Ein Virtuose der Sprache aus Neukölln

Folgerichtig und verdientermaßen: Der Georg-Büchner-Preis 2017 geht an den Berliner Lyriker Jan Wagner.

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Der Schriftsteller Jan Wagner bekommt den Georg-Büchner-Preis 2017.
Der Schriftsteller Jan Wagner bekommt den Georg-Büchner-Preis 2017.Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Als sich Jan Wagner vor drei Jahren bei der Mainzer Akademie für Wissenschaften und Literatur vorstellte und Dank für seine Aufnahme sagte, erzählte er, wie er in seinen Anfängen bei der Publikation einer sogenannten Literaturschachtel mitwirkte, einer Art Lose-Blatt-Sammlung mit Gedichten und erzählender Prosa junger Autoren und Autorinnen. Bei einer der Schachtel-Veranstaltungen Mitte der neunziger Jahre in Süddeutschland sprach ihn eine elegante ältere Dame an, wie sich herausstellte ihres Zeichens Betreiberin eines Bordells, und offerierte ihm im Fall seines Scheiterns als Lyriker doch bei ihr als „erotischer Telefondienstleister“ anzufangen, ihr gefalle seine Stimme so gut. Wagner lehnte dankend ab, war aber genauso verblüfft wie geschmeichelt: „Wie hätte ich auch ahnen können, dass einem Verfasser von Gedichten ungleich größere, anregendere und unverfänglichere Ehrungen zuteil werden können?“, fragte er 2013 in Mainz, und da hatte er schon zahlreiche Preise verliehen bekommen, den Anna-Seghers-Preis zum Beispiel, den Hölderlin-Preis oder den Kranichsteiner Literaturpreis.

Nun hat Wagner auch die höchste und bedeutendste literarische Auszeichnung bekommen, die es in Deutschland gibt: den mit 50 000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. Dass die Wahl dieses Jahr auf Wagner fällt, hat etwas Folgerichtiges (und ist insofern weder besonders überraschend noch über die Maßen originell), nicht nur weil Wagner seit Jahren mit Preisen geehrt wird, unter anderem 2015 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für seinen Gedichtband „Regentonnenvariationen“, ein Novum in der Geschichte dieses Preises. Der 1971 in Hamburg geborene und in Berlin lebende Wagner ist einer der talentiertesten, inzwischen wohl auch handwerklich reifsten Lyriker des Landes. In seinem lyrischen Werk zeigt er sich genauso zugänglich wie er sich auf Sprachvielfalt und Raffinesse versteht. Er ist ein Virtuose der Form, der sich selbst am Ton des Mittelalterlichen elegant erprobt und dem es gelingt, an Idole wie Dylan Thomas und Elizabeth Bishop sprachlich anzuknüpfen.

2015 hatte Wagner den Leipziger Buchpreis erhalten

Und, nicht zuletzt: Jan Wagner schreibt im wahren Sinn des Wortes schöne Gedichte, und solche, die sich gut als Einstieg in die Lyrik überhaupt eignen. So wie es die Jury der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchner-Preis verleiht, in ihrer Begründung unter anderem formuliert hat für seine Gedichte: „Aus neugierigen, sensiblen Erkundungen des Kleinen und Einzelnen, mit einem Gespür für untergründige Zusammenhänge und mit einer unerschöpflichen Phantasie lassen sie Augenblicke entstehen, in denen sich die Welt zeigt, als sähe man sie zum ersten Mal.“

Doch Wagner beherrscht auch das Schreiben von Prosa, von „beiläufiger Prosa“, wie er das nennt und in den Bänden „Die Sandale des Propheten“ von 2011 und ganz aktuell in diesem Jahr mit der Veröffentlichung von „Der verschlossene Raum“ bewiesen hat. In diesen Büchern sind Wagners Preisreden versammelt, aber auch Texte über seine Erfahrungen in Berlin-Neukölln oder Kalifornien, über seine Liebe zu Buchhandlungen, gewisse Kindheitserlebnisse oder eine Reise nach Irland. Oder eine kleine Vorarbeit zu einem „Lob der Sauklaue, die gleichermaßen ein Hoch auf das handschriftliche Schreiben wie eine Blick in die Wagnersche Schreibwerkstatt erlaubt und eine kleine Poetologie darstellt. Zum einen, weil Wagner sich wundert „dass all das Wortmaterial, das aufgetürmt und umgeschichtet wurde, dass all diese handschriftlich verfassten Seiten also am Ende wirklich nicht mehr ergeben habensollten als sechs kurze Zeilen, zwei winzige Haikus, gerade einmal vierunddreißig Silben.“

Zum anderen, weil das gewissermaßen säuische Schreiben, die Kladde, „einen mal absurden, mal aufregenden Mehrwert“ enthält: "Heißt dies dort Sänger oder Säuger? Hat man es mit Ampfersuppe zu tun oder mit einer Imkerskappe? Kuriosität oder Karstatt? Nassau oder Nase? Wandersmann oder Wundersaum? Handelt es sich um Bettnässer oder doch um Betelnüsse?“ Will heißen: Schön schreiben und schön schreiben ist nicht dasselbe, und ein guter Lyriker und überdies Georg-Büchner-Preisträger werden lässt sich mit beidem.

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