Georg Friedrich Händel : Handel und Wandel

Beim ersten flüchtigen Drübergucken und Drüberhören könnte man meinen, das Händel-Jubiläumsjahr 2009 sei außer Puste, noch bevor es mit dem 250. Todestag des Komponisten am 14. April überhaupt eingeläutet wird. Zum Händel-Jahr singt Rolando Villazon die Greatest Hits des Barock-Komponisten.

Christine Lemke-Matwey
264216_0_a56fea77.jpg Foto: Felix Broede/ DG
Sängerfürst auf dem Thron. Rolando Villazon, Tenor. -Foto: Felix Broede/ DG

Alle großen Theorien scheinen halbwegs bewiesen (Händel, der Ehelose, war schwul!), alle bedeutenden Regietaten getan (Händel ist Pop! Händel ist postmodern und sieht seit der Invasion der Engländer in den Neunzigerjahren bis heute so aus!), und was die musikalische Ästhetik betrifft, so sind die frühen Referenz-Aufnahmen eines John Eliot Gardiner oder René Jacobs in ihrer rhetorischen Substanz weder zu überbieten noch zu widerlegen. Wir haben es uns in Händels barockem Lebensgefühl gemütlich gemacht. Alles so schön splittrig, Einzelaffekte wie unter dem Vergrößerungsglas – mehr Zusammenhang, mehr Ganzes dürfte uns Globalisierungslemmingen ohnehin nicht zuzumuten sein.

Immerhin quantitativ täuscht dieser Eindruck. Im Vergleich etwa zu seinen Jubiläumsgenossen Felix Mendelssohn Bartholdy (200. Geburtstag) und Joseph Haydn (200. Todestag) hat Händel die Nase vorn. Während man sich bei Mendelssohn um Fassungsfragen müht und um ein erstes verlässliches Werkverzeichnis, während im Falle Haydns weder die Neueinspielung der Streichquartette durch das Auryn Quartett noch die Wiederauflage aller Symphonien unter Antal Dorati mehr als lauwarme Ofenbankgefühle wecken, ist der alte Händel nach wie vor für Entdeckungen gut. Die Wassermusiken mit Concerto Köln? Festlich, sinnlich, wahrhaft königlich gespielt, jenseits aller aufführungspraktischen Klischees. Christine Schäfers Auswahl aus der Zauberinnen-Oper „Alcina“ (mit den Berliner Barocksolisten)? Stilistisch unbestechlich und atmosphärisch tatsächlich wie von überirdischen Kräften beseelt. Oder Arien und Duette mit Sandrine Piau und Sara Mingardo? Stimmlich vielleicht nicht die Erfüllung, aber im Vortrag doch geradezu betörend innig und persönlich. Das Œuvre ist reich. Reich genug.

Ans große Tor der Händel-Rezeption klopft jetzt auch Rolando Villazon, der erste Tenorissimo des 21. Jahrhunderts. Und wie nicht anders zu erwarten, wird dem Album mit dem englischen Namen „George Frederic Handel“ (sic!) ein ganz besonders flauschiger Teppich ausgerollt: Ein Presse-Mäppchen vorab mit brokatenen Applikationen, also richtig zum Anfassen, schmackhafte TV-Berichte etliche Wochen vor Erscheinen der CD, lustige Fotostrecken vor wiederum brokatenen Tapeten (in Altrosa und Violett), dazu Musik-Clips, Interviews und das Making-of auf DVD – die übliche Maschinerie. Nicht nur, dass diese schwerlich aufzuhalten wäre: Villazon ist auf sie angewiesen, mehr denn je. Dass er das weiß, macht die Sache kaum besser.

Diese CD ist ein Fiasko, vor allem stilistisch und stimmlich, und man fragt sich, wer dafür die Verantwortung trägt. Paul McCreesh und die Gabrieli Players sicher nicht: Sie wissen ziemlich genau, was sie zu tun haben, indem sie mit eleganter Schärfe artikulieren und dynamisch differenzieren, ganz wie es Licht und Schatten, wie es die Räume in Händels Partituren („Tamerlano“, „Rodelinda“, „Serse“, „Ariodante“) verlangen. Dabei neigt McCreesh nie – was wichtig ist! – zu überkandidelten rhetorischen Faxen, hat aber durchaus ein Ohr für die geräuschhaften Effekte in der Musik. Retten freilich kann er auf diese Weise wenig. Villazon wirkt von Anfang an derart befangen und unter Ausdrucksstress, katapultiert sich dank eines muskulösen Dauermezzoforte derart in den Klangvordergrund, dass dem Orchesterpart selten mehr zugestanden wird als Soundtrack zu sein, die Begleitmusik zu einer veritablen Demontage.

Den Produzenten der Deutschen Grammophon Gesellschaft jedenfalls ist nichts mehr heilig: keine Tradition (nicht einmal die eigene), kein Händel, ja, noch nicht einmal Villazons künstlerisches Seelenglück, von dem sie doch alle miteinander abhängen. Dass ein Sänger seines Formats sich weder dramaturgisch noch ästhetisch reglementieren oder gar knebeln lässt, darüber soll hier kein Wort verloren werden. Der Tenor ist, flapsig gesagt, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, und Händel, wie die meisten seiner Zeitgenossen, liebte die Stimmlage nicht sonderlich, zog Countertenöre und Mezzosoprane vor. Villazon mag nun also munter transponieren, mal im einen, mal im anderen Revier wildern und sich ohnehin nur die Rosinen des Repertoires herauspicken („Ombra mai fu“, „Scherza, infida“): Würde sein Tenor nicht so erschreckend matt und grau und sehnig, ja säuerlich klingen, man würde solche philologischen Korinthen getrost vergessen. Selbst in den lyrisch einleitenden Accompagnati zu den Arien aber gelingen dem Mexikaner kaum Farben, alles ist Mühsal und Plage.

So kommt eins zum anderen. Die eher zweifelhafte Auswahl (die Opern werden am Ende durch zwei Nummern aus dem „Auferstehungs“-Oratorium ergänzt) zur offenbar längst nicht ausgestandenen stimmlichen Krise Villazons, seine relative stilistische Ahnungslosigkeit zum unbedingten Willen, sich ein neues Betätigungsfeld erobern zu wollen respektive zu müssen. Registerbrüche säumen diesen Weg, Spitzentöne, die wie aus fremden Stimmen herausgebrochen scheinen, und eine Unfähigkeit zum Legato, zum Geradeaussingen, ein Sichverbeißen in einzelne Phrasen, das regelrecht schmerzt. Das Ärgste aber sind die Koloraturen (etwa in Ariodantes „Dopo notte atra e funesta“), die wie feuchtes Stroh abgefackelt werden, erneut unter größter Kraftanstrengung, und keine Lust kennen und keine Himmelsleiter, nichts irgend Lockeres, Laszives.

Nun ist Rolando Villazon auch bei Verdi, Massenet oder Puccini kein typischer Schönsänger – und Händel kein Belcantist. Zwischen dramatisch unschön und sängerisch ungenügend aber gibt es Unterschiede. Diese lassen sich an Bajazets Sterbeszene aus „Tamerlano“ gut studieren. Die schlichte Trauer, die Villazon in das Arioso legt, das letzte Aufbäumen des Türkenkaisers, sein schubweises Vergehen und Verröcheln in „Sù, via, furie“ – dies alles wird richtig erkannt und dann aber, aus einer Art Kompensationsreflex heraus, von größtmöglicher Künstlichkeit überwölbt. Villazon will zu viel, weil er für Händel zu wenig kann. Nicht dass einem so intelligenten und leidenschaftlich begabten Sänger wie ihm das passiert, ist der Skandal, sondern die Tatsache, dass unser Musikbetrieb keine Instanzen mehr kennt, die solches rechtzeitig verhindern helfen. Zum Schutz der Interpreten, zum Wohl der Musik.

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