Kultur : Georg Klein: Barbar Rosa

Renate von Mangoldt ist wieder einmal in ihrem unübersehbaren Fotoarchiv fündig geworden. Irgendwann in den frühen achtziger Jahren hat sie einen smarten, dunkelhaarigen jungen Mann fotografiert, als er im Berliner Literarischen Colloquium in einer dieser Autorennachwuchs-Werkstätten auftrat, ein einziges Mal, und fast zwei Jahrzehnte später entpuppte sich dieser junge Mann als Georg Klein. Der Griff, mit dem dieser den versiegelten Briefumschlag mit dem Foto jetzt am Tresen des LCB in die Innentasche seines Sakkos steckte, hat viel mit jenen Griffen und Sakkos zu tun, die den undurchsichtig Angestellten in seinen Prosastücken eignen: auf unsicherer Vertragsbasis, mit spärlichen Vorschüssen und hektischen Genüssen vor schwarzweißen Dual-Plattenspielern entwinden Kleins schummrige Anzugträger alten Faxgeräten ungewisse Versprechen auf die Zukunft. Kein Wunder, dass er seinen Auftritt im LCB virtuos auskostete: nicht mehr im Vorprogramm, sondern der Top-Act, seine aktuelle Single "Barbar Rosa" wurde in den Charts des Feuilletons rauf und runter gespielt, und in den Archiven schlummern noch etliche Manuskripte, denen der Fest-Verlag Herr werden muss.

Fast zwanzig Jahre nährte sich Klein von diversen Schreibarbeiten unter Verleugnung des Primären, und die Frage, wie er das durchhielt, wurde im LCB deutlich: Er bereitete sich systematisch auf die Medien vor. Im Verborgenen übte er sich in ihre Mechanismen ein: Graue lonesome rider in der Ausstattung der 50er Jahre verlieren sich im Dschungel der Postmoderne, und immer sind sie raffiniert diffus ausgeleuchtet und werden von versteckten Kameras gebannt; der Autor aber ist der große geheime Regisseur, der sich bedeckt hält und alles weiß.

Klein war auf die diversen Podien, die er jetzt betritt, bestens vorbereitet. Er weiß immer, wo die Kameras stehen könnten, und unversehens wird der Moderator Teil der Inszenierung. Er habe schon als Kind gern geschwindelt, sagt Klein, zunehmend auch gegenüber Erwachsenen. Und seine Erfahrung dabei ist: wenn man maximal übertreibt, wirkt alles viel glaubwürdiger, als wenn man zu zögernd an das Schwindeln herangeht. Deswegen passt die zwanzigjährige Abstinenz jetzt auch so gut in das öffentliche Profil des Autors.

Wenn Klein das dritte Kapitel liest und das "drei" davor ausspricht, ist es so geheimnisvoll gehaucht wie die "Succosiedereien", grünen Zisternen und Videospezialgeschäfte, die umkopierte Schmalfilme mit authentischem Material aus Weißrussland feilbieten. Auf diesen Moment hat er lange gewartet. Und weil er so lange gewartet hat, ist die Performance untergründig immer besser geworden. Merkwürdigerweise kommt dadurch noch einmal Geschichte zur Geltung, nicht immer nur der Augenblick.

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