Kultur : Georg Klein: Schöner Grusel im Archiv

Katrin Hillgruber

In Gottfried Benns 1947 entstandener Berliner Novelle "Der Ptolemäer" entledigt sich der Betreiber eines Schönheitsinstituts seiner lästig klingelnden und klopfenden Kundschaft, indem er sie aus dem Schutz des Ladens heraus mit einem Maschinengewehr über den Haufen schießt. Er kann sich dabei auf den harten Nachkriegswinter als Komplizen verlassen: Zwischen den Erfrorenen fallen die Kunden des Instituts "Lotos" als "Buckel im Schnee" nicht weiter auf. Es scheint, als hätte der makabre Bennsche Ortsgeist bis in unsere Tage überwintert, um in der geheimen Berliner Topographie des Georg Klein erneut und frisch wie nie seine bleichen, fleischfressenden Blüten auszutreiben.

Ein seinerzeit noch titelloser Auszug aus "Barbar Rosa" wurde im vergangenen Sommer einmütig mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Der Held von Kleins angeblicher Detektivgeschichte - in Wahrheit handelt es sich um ein romantisches Schauermärchen - wartet in seinem Wohnbüro in "unserer Hauptstadt" auf einen neuen Auftrag seines ehemaligen Klassenkameraden Hannsi. Früher wirkte am nämlichen Ort ein Therapeut für "Fußdiagnose & Handauflegen". So wie der untadelige Hannsi für das schattenlose "Oben" steht, so verkörpert der Aktionskünstler Bertini die Nachtseite des Bösen, die schwarze Lust an Tod und Verwesung. Das beginnt mit der optischen Hervorhebung von Krampfadern an den Beinen eines robusten polnischen Fotomodells und endet mit der Präparation von Mumien. Die detailfreudige Schilderung dieses Vorgangs erinnert an die Ausstellung "Körperwelten". Der Showdown von Gut und Böse findet im Bassin eines maroden Hallenbads, also im "unteren" Reich, statt. Dem Höllenfürsten Bertini ist als Zauberlehrling der stellungslose Kurti beigesellt. Der chronisch Urophile betreibt einen entsprechenden Videoverleih in der Grünen Zisterne, dem "letzten architektonisch im Originalzustand erhaltenen Doppelstock-Pissoir Mitteleuropas".

Detektiv Mühler wird von Hannsi beauftragt, binnen 48 Stunden einen verschwundenen Geldtransporter aufzuspüren. Wie eine Marionette durch unsichtbare Fäden von oben und unten, von Hannsi und Bertini, gesteuert, bewegt er sich in Slapstick-Manier durch ein Reich des Verfalls. Schon Georg Kleins Agentenroman "Libidissi" von 1998 huldigte dem Faulstichigen in orientalischer Kulisse. Auch jetzt sprießt in den Gegenden der schlimmsten hauptstädtischen Verwahrlosung das pralle Leben. In Kaschemmen wie "Mutters Futterkiste" geben sich die Einheimischen dem Genuss von Sucko hin. Die illegale schnellverderbliche Paste potenziert die Wirkung von Alkohol.

Der schwindelfreie Stilist Klein macht sich bei der hyperrealistischen Schilderung unappetitlicher Details alle Mühe, Sartres Roman "La nausée" (Der Ekel) und den gleichnamigen Polanski-Film zu übertreffen. So manches wirkt dadurch gesucht und überinstrumentiert. Klein stellt seine adjektivgesättigten Wirklichkeitskonzentrate unterschiedslos ins Scheinwerferlicht. Mit der Zeit führt das zu einer Überreizung der Aufmerksamkeit, zu einem Pawlowschen Lesereflex. Dennoch: Was hier an pathetischer Komik ("die herrliche Gewissheit, das Anrecht auf einen Kräutertrunk zu haben"), an blumiger Metaphorik der Pflichterfüllung ("Die Logik eines Auftrags ist wie ein Skelett im Fleisch seines Verlaufs verborgen"), an liebevoller Beschreibung altertümlicher Apparaturen als Kreaturen, an Neigung zur anachronistischen "Plumpheit" des Ostens, an kauziger Mediensatire sowie an maliziösem erotischen Kitzel aufgeboten wird, sucht in der literarischen Landschaft seinesgleichen.

Jeder Ort hat sein eigenes Zeichensystem. Die wechselnden "Gehäuse", in die der Detektiv gerät und die ihn ständig einzuschließen drohen, führen im Text heimlich Regie. Mühler fällt die undankbare Aufgabe zu, die Codes dechiffrieren und ordnen zu müssen. Er verzweifelt beinahe an der entschwindenden Schrift und an einer okkulten Allergie. Diese Geißeln setzten bereits im Erzählband "Anrufung des Blinden Fisches" (1999) dem Helden der Titelgeschichte zu.

Bei "Mühlerchen", dessen tolpatschiges Agieren stets "mit einem aus Zaudern geborenen Losstolpern" einsetzt, kommt eine unausgesprochene Lust an der Passivität hinzu. Er giert geradezu nach männlicher Überwältigung, sei es durch die Sicherheitsorgane, einen kräftigen Bademeister oder sonstige Bösewichte: "Mich packten Hände, sie fassten mich an Kragen, Gürtel, Hosenboden", lautet der angst- wie erwartungsvolle Tenor. Schwülstige Körperlichkeit verbindet sich mit der Sehnsucht nach herkulischer. Mühlers Versuche, sich Frauenrümpfe unter Ausschaltung "der Zeugenschaft des Kopfes" verfügbar zu machen, scheitern dagegen jedes Mal als grell-komisches Desaster.

Auffallend ist die vielgestaltige Lichtmetaphorik: Der Weg des Lichts ist der der Erkenntnis, er führt aus dunklen Höhlen, aus Gestrüpp und Verliesen in die Höhe. Aber hier lauert wiederum der Irrtum als Mühlers treuester Weggefährte. Der eifrige Nutzer von "Ilbichs Gebrauchttextfundus" - eine Neigung, die er mit dem besessenen Leser Georg Klein teilt - stößt allenthalben auf einen vaterländischen Zitatenschatz. Er reicht von der Kyffhäusersage über Goebbels im Sanitärbereich bis zur Verklärung des Mondes durch die Romantiker. Ludwig Tiecks "mondbeglänzte Zaubernacht", der Mond als "ein völlig deutscher Gegenstand" (Christian Morgenstern) verbinden sich mit Kaiser Barbarossa als überraschendem tausendjährigen Born des Ekels zu einer phantastischen bis fragwürdigen Gemengelage. Sie mündet zwangsläufig im Alptraum.

Als der Auftrag trotz aller Widrigkeiten doch noch fristgerecht erfüllt ist, sind die Gebrüder Ilbich mit ihren schönen Altmännernasen samt Fundus verzogen. Nach Osten, heißt es. Ins Mystische, heißt das bei Georg Klein. Sein emsig gezimmertes Pandämonium wird vom Leser auch weiterhin kühlen Kopf und warmes Untergewand erfordern: Rüstzeug für das Abenteuer Literatur, das dieser Autor auf singuläre Weise bietet.

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