Georg-Kolbe-Museum : Neugier und Verachtung

"Wilde Welten": Das Georg-Kolbe-Museum erforscht den Exotismus.

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Die Fremde, so nah. Die Bronzeskulptur „Tanzender Afrikaner“ von Fritz Behn aus dem Jahr 1911. Foto: Sammlung Karl H. Knauf © VG...

Gauguin war von Tahiti enttäuscht. Die Vorstellung vom „edlen Wilden“, seit Rousseau ein Topos der französischen und europäischen Geistesgeschichte, hielt der Wirklichkeit nicht stand. Doch die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit blieb. Nicht nur die Wissenschaften der Ethnologie und der Anthropologie durchforsteten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die bis dahin noch reichlichen weißen Flecken der Weltkarte. Auch die Künstler suchten Inspiration bei den eingeborenen Völkern.

Aber hingefahren sind sie nicht – Emil Nolde ist unter den deutschen Künstlern die berühmte Ausnahme. Was sie von den Ureinwohnern sahen, waren deren bereits sortierte und kategorisierte Artefakte in den Völkerkundemuseen der eigenen Heimat. Die „Brücke“-Künstler ließen sich in Dresden inspirieren, ehe sie in Berlin in den überreich anschwellenden Sammlungen der preußischen Museen mehr fanden, als sie je vor Ort hätten entdecken können. Das Bild der Ferne war durch die ethnografische und zugleich kolonialistische Brille gebrochen.

Diesem Blick auf das Fremde geht das Georg-Kolbe-Museum in seiner Ausstellung „Wilde Welten. Aneignung des Fremden in der Moderne“ nach. Das Thema ist nicht neu, doch ungewohnt die Breite und Verschiedenartigkeit der Objekte, die Gastkuratorin Christiane Wanken herangezogen hat. Noldes Südsee-Aquarelle, unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg in den eben noch deutschen Kolonien entstanden, teilen sich einen Saal mit ethnografischen Fotografien und Werbeplakaten. Die Plakate sind optisch am wirkungsvollsten: der „Sarotti-Moor“, in dem zwei exotische Kulturkreise – Afrika und der Orient – zusammenfließen, oder der Chinese mit unverkennbar afrikanischer Physiognomie, der auf dem Plakat des berühmten Ludwig Hohlwein von ca. 1910 „Marco-Polo-Tee“ serviert. Das Fremde, die Werbegrafik macht es deutlich, ist keine auf die Wirklichkeit gestützte Kategorie, sondern reine Projektion.

Ernst Ludwig Kirchner dekorierte seine Ateliers in Dresden und Berlin im antibürgerlichen Impetus als exotische Lasterhöhlen. Später, im selbst gewählten Schweizer Exil, schnitzt sich Kirchner hölzerne Türwächter und Spiegelrahmen, für die er sich des tradierten Handwerks einer damals noch tief verwurzelten Alpenregion bedient. Das Ursprüngliche lag nicht allein jenseits der Ozeane. Es wäre nicht verkehrt gewesen, der Ausstellung eines der Bergbauernbilder Kirchners hinzuzufügen, um seinen aus der Ablehnung der bürgerlichen Zivilisation gespeisten Exotismus noch plastischer zu machen.

Natürlich lasen aufgeschlossene Künstler Carl Einsteins bahnbrechendes Buch zur „Negerplastik“ von 1915. Mit dem Weltkrieg und dem Verlust der deutschen Kolonien war das Thema erledigt, und die Künstler hatten andere, traumatischere Erlebnisse zu verarbeiten als den Anblick von Masken oder Südsee-Booten. Der „Brücke“-Maler Max Pechstein ließ sich zwar noch 1926 mit exotischen Objekten im Atelier fotografieren, trägt aber selbst Anzug und Fliege: ein Kolonialherr.

Zu den unangenehmeren Objekten der kleinen, aber treffsicher zusammengestellten Ausstellung zählen die „Lebendabformungen“ in Gips. Sie wurden von in „Völkerschauen“ vorgeführten Menschen genommen, so der „Buschmann von Luschan“ aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Grat war schmal, der Jahrmarkt und Wissenschaft lange Zeit nur trennte, aber auch Neugier und Verachtung. Beim Anblick von Fotografien der immens erfolgreichen und gefeierten Tänzerin Josephine Baker erkennt man, dass sie eben nicht als vermeintlich ursprüngliches Wesen erfolgreich war, sondern als Inkarnation bürgerlicher Sehnsüchte. Die „Wilden Welten“ sind domestiziert, und wild benimmt sich allenfalls das Publikum im Varieté.

Auch Georg Kolbe, der Patron des Museums im Westend, hat sich mit exotischer Plastik befasst. Von ihm sind der „Torso eines Somalinegers“ und die Bronze eines „Hockenden Negers“ zu sehen, beide 1912 und also recht früh entstanden. Kolbe, wie die meisten Künstler, beschäftigte weniger das Fremde an sich, sondern die Suche nach der Form, wie es später – 1931 – auch Otto Freundlich ausdrückte, als er Picasso als den vermeintlichen Entdecker der Negerplastik relativierte: für diesen habe die afrikanische Plastik „nur die Bedeutung eines günstigen Modells“ gehabt, „das seinen Absichten entgegenkam“.

Beim Hinausgehen fällt der Blick nochmals auf Alltagsexotik: „Zehn kleine Negerlein“ als Kinderbuch. Der altvertraute Abzählreim hat seine Unschuld verloren.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 5. April. Katalog 19 €.

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