Georg Nigl über seine Rolle als Lenz : Wahnsinn mit Schmäh

„Fantastisch schwer“: Der Bariton Georg Nigl über seine Titelpartie in Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“, die ab Mittwoch in der Staatsoper zu sehen ist.

Hans Ackermann
Gebürtiger Wiener. Georg Nigl singt bei der Staatsopern-Premiere.
Gebürtiger Wiener. Georg Nigl singt bei der Staatsopern-Premiere.Foto: W. Rothermel/dpa

„Das Herz schmilzt mir hinweg“, klagt eine brüchige Stimme. Sie gehört Georg Nigl, der fast nackt in einem riesigen Bücherregal kauert. Am Ende von Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ wird der Dichter die Qualen seiner Schizophrenie laut herausschreien, in eine Zwangsjacke gesteckt, ans Metallbett gefesselt. Premiere der Inszenierung von Andrea Breth war 2014 in Stuttgart, ab Mittwoch wird sie an der Berliner Staatsoper im Rahmen des Festivals „Infektion!“ zu sehen sein.

Gut zwanzig Mal hat Nigl die höchst anspruchsvolle Partie gesungen. „Fantastisch schwer“ nennt er sie, „weil sie von Singen über Schreien, über Sprechen, über Flüstern alle Formen der menschlichen stimmlichen Aussage einschließt.“ Gerade der Wechsel zwischen Sprechen und Singen würde die Stimme extrem beanspruchen. Zum Glück verfügt Georg Nigl über viel Erfahrung mit zeitgenössischer Musik, er weiß, „wie man sich das einteilt“. Seine erste und vielleicht wichtigste Gesangsausbildung hat der gebürtige Wiener vor 30 Jahren als Sopransolist bei den Wiener Sängerknaben erhalten. Seither kennt er zwar produktive Anspannung, aber keine wirkliche Angst beim Auftritt. Der Sprung vom Sängerknaben zum Opernsänger sei gesangstechnisch nicht allzu groß gewesen, aber in anderer Hinsicht habe er sich umstellen müssen: „Ich habe mein letztes Konzert als Sängerknabe vor 2000 Leuten gesungen, ein Jahr später als Bariton dann vor fünf.“

Nigl erzählt all dies mit einem sympathischen Schmäh in der Stimme, dabei blitzt es hintergründig in seinen Augen, die er auf der Bühne gern weit aufreißt, um den Wahnsinn seiner Figuren – Rihms „Lenz“ oder Trojahns „Orest – auch mimisch perfekt herauszuarbeiten. Er sei vielleicht tatsächlich eher ein „singender Schauspieler“, meint der 1972 geborene Sänger, wieder augenzwinkernd und wissend, dass man als solcher kaum „Sänger des Jahres 2015“ und Professor für Gesang in Stuttgart wird.

Großes intellektuelles Interesse an der Thematik

Aber es sind tatsächlich auch die hervorragenden darstellerischen Fähigkeiten, die Georg Nigl zur idealen Besetzung für „Jakob Lenz“ werden lassen. Zusätzlich bringt der Sänger noch ein großes intellektuelles Interesse an der Thematik mit. Selbstverständlich hat er zur Vorbereitung der Rolle die einschlägigen Abhandlungen von Sigmund Freud über Schizophrenie gelesen. Auf eine „Lenz“- Aufführung muss er sich im Übrigen ungefähr doppelt so lange vorbereiten wie etwa auf die Rolle des Papageno.

Insgesamt, meint er, hat das Team um Regisseurin Andrea Breth bei der Erarbeitung des Stückes darauf geachtet, „dass wir nicht ‚Einer flog über das Kuckucksnest’ machen, wo man in der ersten Reihe sitzt und zusieht, wie einer verrückt wird.“ Doch tatsächlich wird hier „einer verrückt“, und wer diese Rolle annimmt, muss auch um das eigene Seelenheil fürchten. Nigl hat in dieser Hinsicht schon „Briefe von Psychiatern bekommen“, die wissen wollten, wie es ihm nach einer Aufführung des Stückes geht.

Menschliche Stimme als Abgrund

Und, wie geht es ihm danach? Kurzes Zögern, dann verrät er, dass er nach der Generalprobe in Stuttgart, wo er sein Rollendebüt gab, „bitterlich geweint“ habe. Mittlerweile hat er sich aber auf die extreme Beanspruchung eingestellt: „Nach der Vorstellung geh’ ich auf ein Bier, und das war’s dann.“

Rihms avantgardistisches Stück aus den 70er Jahren ist heute für Nigl schon ein moderner Klassiker, der „endlich ins reguläre Repertoire“ aufgenommen gehöre. So wie Bergs „Wozzeck“, den heute jeder große Sänger beherrschen würde, während die Zeitgenossen damals noch Angst gehabt hätten, sich die Stimme zu ruinieren. Wolfgang Rihm hat zu seinem „Jakob Lenz“ angemerkt: „Ich liebe die menschliche Stimme. Sie bleibt der schönste Abgrund“ – ein Satz, der Georg Nigls Interpretation in höchstem Maße zutreffend beschreibt.

„Jakob Lenz“, Premiere am Mittwoch, 19 Uhr, Staatsoper im Schillertheater

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