• George Bush hat die Krisenzeit am Ende des Kalten Krieges gemeistert. Doch der kühne Blick ins 21. Jahrhundert fehlte ihm

Kultur : George Bush hat die Krisenzeit am Ende des Kalten Krieges gemeistert. Doch der kühne Blick ins 21. Jahrhundert fehlte ihm

Christian Hacke

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks sowie der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands haben am Ende des 20. Jahrhunderts die Welt grundlegend verändert. Sie alle fielen in die Präsidentschaftsjahre von George Bush. Deshalb sind seine Erfahrungen und Erlebnisse, die er in diesem Buch zusammen mit seinem Sicherheitsberater Scowcroft niedergeschrieben hat, von zentraler Bedeutung. Bushs umsichtige Großmachtdiplomatie zu Krisenzeiten zeigt, dass er am Ende des Kalten Krieges auf dem richtigen Sessel saß, um klug, taktvoll und machtbewusst diese schwierige Übergangsperiode der Weltpolitik zu meistern.

Bei der Schilderung der Ereignisse wird folgende Arbeitsteilung der Autoren deutlich: Bush berichtet, oft farbig, während Scowcroft in Fortsetzung seiner Rolle als Sicherheitsberater nüchtern analysiert, dabei unterschiedliche Akzente setzt oder Themen, die von Bush nur gestreift werden, vertieft. So schreibt Bush mit Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands, dass diese "eine sehr persönliche Bedeutung" für ihn hatte. Er schildert seine herzlichen Beziehungen zu Helmut Kohl, kombiniert dies mit einem sehr sympathischen Porträt des deutschen Bundeskanzlers und gesteht Kohl sogar eine Führungsrolle im Wiedervereinigungsprozess zu. Das kommunistische Regime aber beschreibt Bush auch als ehemaliger CIA-Direktor ohne Zurückhaltung: "Im gesamten Ostblock waren sie die schlimmsten Typen."

Scowcroft dagegen analysiert emotionslos den historischen Hintergrund und die politischen Probleme der deutschen Frage. Offen verweist er sogar auf Widersprüche innerhalb der Regierung und hält mit eigenem Skeptizismus nicht zurück: "In Wahrheit stand ich dem Ziel der Wiedervereinigung skeptisch gegenüber und vertrat wohl damit die Positionen des State Departments mehr, als die meines eigenen Stabes", des Nationalen Sicherheitsrates.

Wie alle Memoirenschreiber, so erinnern sich Bush und Scowcroft natürlich am liebsten an ihre Leistungen und Verdienste. Angelsächsischer Humor macht das Buch streckenweise zu einem Lesevergnügen. Bushs persönliche Erinnerungen sind oft farbiger als die bisweilen trockenen Berichte von Scowcroft. Dafür gelingen Bush herrliche Porträts von Margret Thatcher, Francois Mitterrand, Michail Gorbatschow und anderen Staatsmännern. Bushs Neigung zu persönlicher Gipfeldiplomatie trübte nicht selten seinen Blick für notwendige strukturelle Neuerungen und eigene Versäumnisse. Nicht ohne Ironie bleibt festzuhalten, dass etwa gerade in der Chinapolitik der Chinakenner Bush oft hilflos erschien. Aber mit Blick auf Europa, vor allem bei der deutschen Wiedervereinigung, hat sich die Regierung Bush/Baker verdient gemacht, das wird auch in diesen Erinnerungen deutlich.

An den amerikanischen Triumph im Golfkrieg gegen Saddam Hussein wird in diesem Buch natürlich ausführlich und bisweilen selbstherrlich erinnert. Doch die "neue Weltordnung" von Präsident Bush verweist auch auf Fehler und Versäumnisse. Alles in allem erscheint die Europapolitik, auch die gegenüber dem auseinanderbrechenden Sowjetimperium, wirkungsvoll, weil Bush die Grenzen seines Einflusses klug erkannte und mit Pragmatismus und Takt auszufüllen wusste. Er, sein Außenminister Baker und Sicherheitsberater Scowcroft enthielten sich jeder Form von "Triumphalismus" gegenüber den Protagonisten des zerfallenden Sowjetreiches. Dabei trafen sie sich auf kongeniale Weise mit der Politik und dem Stilempfinden der Regierung Kohl / Genscher.

Doch gegenüber den neuen globalen Problemen blieb die Regierung Bush ebenso unaufgeschlossen wie gegenüber den drängenden innenpolitischen und wirtschaftlichen Fragen, die die Amerikaner mehr berührten als außenpolitische Leistungen. Alles in allem vermitteln diese Memoiren unverzichtbare Eindrücke wie auch Respekt gegenüber den Leistungen der amerikanischen Außenpolitik während der historischen Zeitenwende.

Doch letztlich fehlte dem Präsidenten George Bush der kühne Blick in das 21. Jahrhundert, das Verständnis für die neuen ökonomischen Wechselwirkungen zwischen Innen- und Außenpolitik. Dass er deshalb außenpolitisch grandios scheiterte, dokumentiert sein neues Buch ebenso, wenn auch unbeabsichtigt.George Bush, Brent Scowcroft: Eine neue Welt. Amerikanische Außenpolitik in Zeiten des Umbruchs. Ullstein Verlag, Berlin 1999. 391 Seiten. 36 DM.

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