George Steiner : Wer nie den Blitz mit Händen fing

Er ist der Don Quijote des traurigen Denkens - ein Universalgelehrter in einer selbstzerstörerischen Welt: George Steiner wird 80.

Gregor Dotzauer

Es gibt ein Wort, mit dem man ihn im Handumdrehen erledigen kann. So verächtlich, wie es heute gebraucht wird, macht es alles zunichte, was sich sonst von George Steiner behaupten lässt. Dass er der letzte Universalgelehrte unserer Zeit ist. Dass er trotz seiner furchterregenden Bildung und der Dichte seines Denkens beneidenswert lebendige, schlanke, unprätentiöse Sätze schreibt. Oder dass er an einem Humanismus festhält, dessen europäische Wurzeln auch nach allen Selbstzerstörungsversuchen noch nicht verdorrt sind. Es ist das Wort vom Kulturpessimisten.

Das Schwierige ist, dass es auf allen Ebenen zutrifft. Wo ist hier nicht von Niedergang die Rede? Kunst und Geisteswissenschaften haben in Steiners Augen ihren Höhepunkt überschritten. Nur die Naturwissenschaften sind noch geeignet, das Bewusstsein des mysterium tremendum zu erneuern, wie er die Erfahrung einer durchaus bedrohlichen Transzendenz mit einem von Rudolf Otto geliehenen Begriff gerne nennt.

Die Hochkultur hat sich an die Populärkultur ausgeliefert: „Ein identisches Etikett verschleiert den in Lichtjahren zu messenden Unterschied zwischen dem Hintergrundrauschen, den Banalitäten des Wiedergekäuten, das aller menschlichen Existenz eigen ist, und der wunderbaren Komplexität und Kraft außergewöhnlichen Denkens“, heißt es in dem Traktat „Warum Denken traurig macht“ (2006). Und Europa hat seine historische Bewährungsprobe nicht bestanden, als es Ende der neunziger Jahre im Kosovo die militärische Intervention gegen Restjugoslawien den Amerikanern überließ.

George Steiner, 1929 als Sohn österreichischer Juden in Paris geboren und 1940 mit seinen Eltern in die USA emigriert, hat etwas von einem intellektuellen Don Quijote, der weiß, dass er auf verlorenem Posten kämpft. Kulturpessimismus ist bei ihm keine aus dem Affekt geborene Krankheit, sondern eine aus dem Verstand entwickelte Haltung. Wenn sie tief empfunden ist, so ist sie noch tiefer gedacht. George Steiners Werk ist ein einziger Versuch, sie rational zu befestigen – angefangen bei seinem frühen Essay „Der Tod der Tragödie“ (1962), der tragische Konstellationen an die Möglichkeit metaphysischen Denkens knüpft, bis hin zu seiner Studie „Der Meister und seine Schüler“ (2004) über die wechselseitigen Abhängigkeiten in Lehrverhältnissen.

Man kann höchstens fragen, was daraus folgt, sich mit Steiner ein ums andere Mal zu vergegenwärtigen, dass Max Weber mit seiner These von der „Entzauberung der Welt“ in der Moderne zwar recht hatte, dass er aber nicht wissen konnte, wie Popmusik und Fußball eine triviale Remythisierung mit sich brachten. Denn hinter diese Moderne, das weiß auch der erklärte Platoniker Steiner, führt kein Weg zurück. Doch die Rolle des Kritikers, durch alle Gottesmorde und Ironiegewitter hindurch eine Hierarchie der Werte zu retten, bleibt bestehen. „Elite“, schreibt er, „bedeutet etwas ganz Einfaches: Es bedeutet, dass einige Dinge höher stehen als andere“. Damit operiert er am idealistischen Pol eines Kampfes, an dessen anderem Richard Rortys irdischer Pragmatismus steht.

In Steiners eurozentrischer Welt hat es seine unausweichliche Logik, dass John Keats über Bob Dylan rangiert und Joseph Haydn über Jimi Hendrix. Man darf das nicht mit Borniertheit verwechseln oder reiner Arroganz. Unabhängig davon, dass er, der fünf Sprachen spricht, hier als Person an die Grenzen seines Verstehens kommen mag, steht keineswegs fest, wie sich zwischen kulturellen Basismythen, über Jahrhunderte gewachsenen Traditionen und instabilen popkulturellen Codes vermitteln lässt.

Kann man tatsächlich einen Bogen von der Atriden-Familie zu den Simpsons schlagen? Steckt darin auch nur ein Übersetzungsproblem, wie es Steiner in seinem Hauptwerk „Nach Babel“ (1975) zur glücksstiftenden Grundlage jeder Kommunikation erklärt hat?

Sein Verfahren ist dabei essayistisch, nicht systematisch. Das hat ihm an den zahllosen Elite-Universitäten, in denen er im Lauf seines Lebens Vergleichende Literaturwissenschaft lehrte, nicht nur Freunde eingebracht. Es ist aber der einzige Weg, um durch das Wissensdickicht Schneisen zwischen Musik – auch Neuer Musik – und Mathematik, Religion und Sprachphilosophie zu schlagen, was ihm nie zugänglicher als in den sieben Essays seines Bandes „Meine ungeschriebenen Bücher“ (2007) gelungen ist: Darin findet sich auch ein glänzendes Stück über sein Judentum und den Zionismus.

Er wäre aber nicht der in schwere Ambivalenzen verstrickte Denker, der er ist, wenn nicht auch die Hochkultur, die er so sehr verteidigt, in sich zerfallen wäre. In unendlichen Variationen hat er auf ihre fatale Hilflosigkeit hingewiesen: „Die Unfähigkeit der Hochkultur, ihre Sache wirksam zu verteidigen, rührt von einer bitteren, wenngleich häufig unterdrückten Einsicht her. Die Barbarei des 20. Jahrhunderts ist im Kernland der europäischen Kultur ausgebrochen.“ Und die Mörder waren nicht selten stolz auf ihren erlesenen Kunstgeschmack.

Mit einem Grund dafür ringt er seit langem. Steiner war, so wenig er sich eigentlich in politische Fragen einmischen will, immer zerrissen zwischen der Idee sozialer Gerechtigkeit und den antidemokratischen Ansprüchen, die Kunst stellt: „Das Genie kennt keine Demokratie, nur furchtbare Ungerechtigkeit und lebensbedrohende Last. Es gibt jene wenigen, wie Hölderlin sagte, die gezwungen sind, den Blitz mit bloßen Händen zu fangen.“

Die Retheologisierung der Kunst als Statthalterin eines verschollenen Gottes birgt daher auch Gefahren – auch wenn sie nicht an einen konkreten Glauben geknüpft ist. Ihn betrachtet Steiner, ganz im Widerspruch zu der nicht uneitlen Offenheit, mit der er sich in „Meine ungeschriebenen Bücher“ über seine sexuellen Erfahrungen und die vielsprachigen „Zungen des Eros“ äußert, als Privatangelegenheit. Etwas anderes ist die Auseinandersetzung um seine Erscheinungsformen. Steiner hat keine Scheu, über den katholischen „Neoprimitivismus“ herzuziehen, wie er mit Papst Johannes Paul II. in die Kirche zurückkehrte. Und er kann zugleich mit großer Bitterkeit notieren, wie die Schulkinder, die im nordossetischen Beslan Opfer tschetschenischer Terroristen wurden, am Ende zu Harry Potter beteten, nachdem ihnen Gott nicht helfen wollte. Zeitgenössischer hat niemand das Problem der Theodizee formuliert.

Obwohl Steiner auch Erzählendes geschrieben hat, gehören seine besten Texte ins Gebiet der gelehrten und – als langjähriger Rezensent des „New Yorker“ – literaturkritischen Prosa. Für ihn selbst steckte darin immer ein Ungenügen. „Von realer Gegenwart“ (1989), sein umstrittenstes Buch, zu dem Botho Strauß den Essay „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ beisteuerte, aus dessen Gedankenkreis auch der „Anschwellende Bocksgesang“ entstand, lässt sich gar nicht begreifen, wenn man in ihm nicht auch den Ausdruck eines Schmerzes sieht, nie die ursprüngliche Kreativität eines Dostojewski, Schubert oder Derek Walcott erreicht zu haben.

In der Polemik gegen die Herabwürdigung des Kunstwerks im parasitären Geschwätz der Universitäten und Feuilletons versteckt sich auch ein Stück Selbsthass. Heute wird der unermüdliche, auch unermüdlich zwiespältige, aber immer anregende Denker 80 Jahre alt.

Im Hanser Verlag ist soeben der Essay- und Gesprächsband „Die Logokraten“ (aus dem Englischen und Französischen von Martin Pfeiffer, 254 Seiten, 21,50 €) erschienen. Ein 90-minütiges Videogespräch über Leben und Werk findet sich unter www.alanmacfarlane.com.

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