George Tabori : Ein Bett und eine Bühne

Das Geheimnis eines Theaterzauberers: Aus der Grabrede auf George Tabori.

Hermann Beil
Tabori
George Tabori in seiner Wohnung am Schiffbauerdamm im Mai 2004. -Foto: David von Becker

Jövend

ö férfiak



George Tabori möge es mir verzeihen, dass ich mit austriakisch-teutonischem Akzent die Musik seiner ungarischen Sprache verfremdet habe. Es sind Verse aus einem Gedicht von Attila József, dem Lieblingslyriker von George. Im letzten Jahr seines Lebens hat er oft an diesen großen ungarischen Dichter gedacht, dessen tragisches Künstlerschicksal ihn immer wieder aufs Neue bewegt hat, so sehr, dass er – das absolute Gegenbild zu Attila József – einen Theaterabend, eine Hommage an diesen Dichter sich ausdenken wollte. Die Verse lauten in der Übersetzung von Stephan Hermlin so:


Die künftigen Menschen

Sie werden Kraft und Zartheit sein.
Sie werden die eiserne Maske der Wissenschaft zerbrechen,
um die Seele auf dem Antlitz des Wissens sichtbar zu machen. (...)
Immer erwarten sie den unerwarteten Gast
und haben für ihn gedeckt
den Tisch und auch ihr Herz.(...)
Möget ihr ihnen ähnlich sein.

George Tabori ist ein universeller und zutiefst menschlicher Künstler. Wir haben erfahren können, wie er die innige Verbindung von Leben und Theater, von Theater und Leben unermüdlich gesucht und probiert hat. Alles war ihm Probe. Auch das Leben war ihm Probe – und Inspiration zugleich. Die zarte wie beharrliche Leidenschaft seiner Arbeit und seines Lebens hatte ein ganz einfaches Ziel, das allerdings schwer zu erreichen ist: Wahrhaftigkeit. Seine letzten neun Monate sind ein einziges Zeugnis für Wahrhaftigkeit im Leben und im Sterben.

George Taboris schon klassischer Ratschlag an Schauspieler – „Benutze es“ –, er verwirklichte diesen Rat in geradezu idealer Weise. Er spielte, erlebte, erzählte, erdachte, plante, fabulierte, dozierte, dirigierte – kurz, er fand und erfand sein ganzes Leben noch einmal, er tauchte in seine Kindheit und dachte an die Zukunft, er erzählte von seinem Vater, von gefährlichen Schiffsreisen während des Weltkrieges, von Hollywood und immer wieder von neuen Stücken, von seinen nächsten Inszenierungen. Er entwarf buchstäblich einen Fünfjahresplan. Der Satz „Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne“ war für George keine bloße Floskel, es war seine Weltformel.

In seinen letzten Monaten war nur sein Bett seine Bühne, aber diese Bühne wurde für alle, die es erleben durften, zum großen wundersamen Welttheater, das einen Menschen zeigte, der das schrecklichste Zeitalter erlebt, durchlebt und überlebt hatte – und doch der heiterste Mensch geblieben ist. Auf seiner Bettbühne, auf seinem Bühnenbett versammelte er seine Fantasien. Und seine Imagination wurde immer größer: Er schrieb und inszenierte in seinen Träumen, und diese Träume waren ihm Wirklichkeit. Oft war er weit weg, um uns im nächsten Moment mit der vis comica eines Buster Keaton oder Woody Allen vorzuspielen, wer und was alles ihm begegnet ist.

Seine Lebenskunst ist unnachahmlich und doch beispielhaft: Er war Neugierde und Freundlichkeit. Und zugleich der unbeirrbare Wille, diese Neugierde und Freundlichkeit niemals aufzugeben. So einfach war sein Geheimnis.

Die Sprache seiner Weisheit war das Theater. Zum Theater kam George durch Bertolt Brecht, und seine letzte Inszenierung war Brechts Version der „Antigone“ – just vor einem Jahr, zum Brecht-Fest, hatten wir die Premiere.

„Zwischen Humor und Würde besteht kein Gegensatz“, sagt Brecht. Taboris Witz wiederum verstummte nicht vor den Letzten Dingen. Mit seinen sehr ernsten Scherzen zeigt er sich in seinem jüngsten und nun doch letzten Stück „Gesegnete Mahlzeit“ als ein genuiner Humorist, aber auch in der spielerischen, erfinderischen Energie, mit der er von seinem Bett aus noch seine nächste Premiere mit Martin Wuttke im November am BE vorbereitet hat: „Pffft oder Der letzte Tango am Telefon“.

Ein anderer ungarischer Schriftsteller sagte einmal: „Humor, das ist die ganze Wahrheit.“ Allein das schelmische Vergnügen, mit dem George immer wieder „Pffft“ aussprach, bezeugte, das er um seine ganze Wahrheit wusste. Taboris Gelächter – in seinem Werk wird es uns für alle Zeiten bleiben. George Tabori hat uns mit seiner Melancholie, mit seinem weisen Humor tatsächlich das Lachen geschenkt, das befreiende Lachen, das doch auch eine Form des Denkens ist, des Denkens mit dem Herzen.

Sein Leben war wie das Leben künftiger Menschen. Ach, könnten wir ihm ähnlich werden.

Hermann Beil hielt diese Rede bei der Beisetzung von George Tabori auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof am 21. August. Beil war der Regisseur des letzten Tabori-Stücks „Gesegnete Mahlzeit“ am Berliner Ensemble. Dort findet heute um 21 Uhr eine Feier für Tabori statt, u.a. mit Senta Berger, Angela Winkler, Cornelia Froboess, Katharina Thalbach, Tankred Dorst und Jürgen Flimm. Eintritt ist frei.

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