Kultur : George Tabori läßt Gedichte tanzen

MEIKE MATTHES

Schlomo Herzl war es, der mit beträchtlichem Verzweiflungswitz gesegnete jüdische Gossenphilosoph aus Taboris apokalyptischer Farce "Mein Kampf", der sagte: "Vielleicht ist das der Sinn der Dichtung, bösen Kindern Geschichten zu erzählen, bis es sie schaudert." Weil alle guten Geschichten letztlich vom Tod handeln und George Tabori ausnahmslos gute Geschichten erzählt, verwandelt jeder, der in seinen fabelhaften Dunstkreis gerät, sich unweigerlich in ein atemlos lauschendes Kind.Und so ist es auch jetzt wieder: Während Tabori von Michelangelos ebenso vitalen wie morbiden Gedichten erzählt, von dieser Leidenschaft, die sich gegen den Tod stemmt, von der Lust, die nach Ewigkeit verlangt - während Tabori spricht, mit dieser dunklen, schweren, von hellwacher Müdigkeit durchdrungenen Stimme, frage ich mich,ob der liebe Gott nicht vielleicht doch gerade in disem Moment ...?

"Gott?" murmelt Tabori."Ach ja.Gott.Früher hat er sich manchmal eingemischt in meine Arbeit, aber nun habe ich schon seit ein paar Jahren nichts mehr von ihm gehört.Wäre schön, wenn er sich mal wieder melden würde.Sieht aber so aus, als hätte er keine Zeit mehr für mich." Ein fast unmerkliches Achselzucken, unter den halb gesenkten Augenlidern blitzt es.An die Unsterblichkeit glaubt er sowieso nicht, auch wenn der Stoff, aus dem seine gegenwärtigen Bühnenträume gemacht sind, den Glauben an die Unvergänglichkeit der Kunst mit allerschönsten Hoffnungen bekleidet."Den Sinnen tut es um das Dasein leid / die Seele fühlt sich mit dem Tod im Bunde", heißt es in einem der elf Michelangelo-Gedichte, die Dimitri Schostakowitsch in seinem letzten Lebensjahr vertont hat.In "Der nackte Michelangelo" erwacht der in Stein und Wort gehämmerte, vor dem Verschwinden bewahrte Eros des großen Bildhauers zu einem vielsprachigen Leben.Zusammen mit dem Tänzer Ismael Ivo und dem Bariton Matteo de Monti hat der 84jährige Tabori wieder einmal den Sprung in ein unbekanntes Gewässer gewagt: "Das ist ganz neu für mich, diese Auseinandersetzung mit den wortlosen Künsten.Die Sprache, die Musik und der Tanz versuchen, eine gemeinsame Wahrheit zu finden.Das hat mich sehr gereizt", sagt er und denkt ein Weilchen darüber nach, ob das das richtige Wort ist."Ja, doch, ein Reiz, das war es, und das ist das Wundervolle am Theater, daß es mir immer dann etwas Neues zeigt, wenn ich gerade beschlossen habe, nun endgültig damit aufzuhören." Und der mit aller Entschiedenheit für das nächste Jahr angekündigte Rückzug von der Bühne? Er lächelt."Das Theater aufgeben? Eine so gute Ehe? Nein, ich kann das nicht.Das sage ich Ihnen heute, weil ich es heute so fühle, und also ist es wahr.Ich bin ja wie das Theater - immer im Hier und Jetzt.Deshalb ändere ich häufig meine Ansichten.In der Kunst geht es immer um Veränderung."

Auf seinem weitverzweigten Lebensweg, der den 1914 in Budapest Geborenen aus dem untergehenden Habsburgerreich knapp an Auschwitz vorbei durch Hollywoods Traumfabrik in die deutsch-österreichische Stadttheaterlandschaft führte, hat es ihn immer wieder nach Berlin verschlagen.1969 riß er mit der europäischen Erstaufführung seiner Holocaust-Groteske "Die Kannibalen" in der Schiller-Theater-Werkstatt die deutsche Vergangenheitsbewältigung aus ihrer gepflegten Friedhofsruhe; 15 Jahre später, er inszenierte am Lehniner Platz gerade Istvan Eörsis "Verhör", wandelte er mit seinem Seelenbruder Antonin Artaud durch ein schummriges Schaubühnen-Labyrinth und geriet ständig an Türen mit der Aufschrift "EXIT".Mythen und Anekdoten, Schicksalsschläge und Geistesblitze, erfundenes Leben und gelebte Träume stürzen in Taboris einzigartiger Jahrhundert-Biografie wild durcheinander."Manchmal muß man lügen", sagt er, "um die Wahrheit zu finden.So wie das Theater.Es will nicht, wie der Film, Realität widerspiegeln.Es täuscht nichts vor, es blendet nichts aus, es ist immer das, was es ist: eine offene Lüge.Das ist die Wahrheit." Und plötzlich reicht er seine Brille, eine Nickelbrille mit dicken Gläsern."Sehen Sie", sagt er, "es ist nicht so schlimm, wenn man nicht alles sieht.Der Blick wird dann frei für das Wesentlich."

In zwei Wochen beginnt George Tabori in einem Zirkuszelt an der Oranienburger Straße mit den Proben zu Mozarts "Zauberflöte", und da werden Sänger, Clowns und Tiere mitspielen, am liebsten "auch singende Nashörner".Für die letzte Peymann-Saison an der Burg schreibt er an einem Stück mit dem Titel "Purgatorium", für die erste Peymann-Saison am BE gibt es bereits Taboris "Brecht file - Akte Brecht" - und natürlich wird er in beiden Fällen selbst Regie führen.Wie sagte schließlich schon Schlomo: "Vielleicht ist das der Sinn der Dichtung, den Tod zu beschwatzen und ihn ein wenig hinzuhalten."

George Taboris Inszenierung "Der nackte Michelangelo" hat heute abend in der Berliner Schaubühne Premiere.

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