George Tabori zum 100. : Der Scherz. Der Schmerz. Die Liebe

George Tabori wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. Erinnerungen an den großen Theaterspielmacher, der sich selbst immer "Playmaker" nannte.

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Wanderleben. George Tabori wurde am 24. Mai 1914 in der Dämmerung des Habsburgerreichs geboren und starb am 23. Juli 2007 in Berlin. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Wanderleben. George Tabori wurde am 24. Mai 1914 in der Dämmerung des Habsburgerreichs geboren und starb am 23. Juli 2007 in...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein graumähniger Herr betritt die Bühne und setzt sich in einen für ihn bereitgestellten Sessel direkt an die Rampe. Bei dem Wort Rampe zuckt man ein wenig zusammen, wenn man an die Familiengeschichte des Mannes dort im Sessel denkt. Es ist ein Sonntagmittag vor zwanzig Jahren, und eine „Rede über das eigene Land“ steht in den Münchner Kammerspielen auf dem Programm. Doch anders als alle illustren Vorgänger und Nachredner dieser Matinee-Reihe steht der Protagonist nicht am Pult oder liest etwas vor an einem Tisch.

Der schöne ergraute Mann beginnt in seinem Sessel frei zu sprechen, frei zu erzählen. Mit seinem ungaro-britischen Bariton, der etwas metallisch und doch warmherzig klingt und in dem dank eines leichten Näselns oft ein ironisch-amüsierter Oberton mitschwingt. Dabei begrüßt er die Zuschauer im voll besetzten Theater gar nicht erst, sondern sagt, dass er viel mehr Fragen als Antworten habe. Dies beginne schon mit der Anrede: Wie könne er einfach sagen „Meine Damen und Herren“? Warum denn „meine“, da keiner der Anwesenden ihm gehöre, und ob alle Frauen hier im Publikum überhaupt „Damen“ seien, das wisse er nicht, er kenne die meisten von ihnen so wenig wie die Herren. Auch das Wort „Herr“ habe, genau genommen, einen Beiklang, der ihm nicht recht gefalle.

So beginnen die Schwierigkeiten gleich am Anfang, zumal, da am Anfang das Wort war.

George Tabori, jener schön ergraute Mann, zweifelte immer am allzu Selbstgewissen. Der Zweifel gehörte für ihn wie bei allen größeren Geistern von Euripides bis Kopernikus und von Hegel und Einstein bis Woody Allen zum Urgrund des Daseins. Er ist – lange vor der Theatertheorie Bertolt Brechts – der erste Verfremdungseffekt: ein Einspruch gegen die Übermacht einer scheinbar nicht zu verrückenden Realität. Und ohne ihn, den kleinen Gott des Zweifels, gäbe es auch keinen Humor, keine Ironie, kein lachendes Infragestellen der Welt oder zumindest der eigenen Person.

Der lähmenden Todtraurigkeit wollte er nie zu viel Spielraum geben

Der Zweifel, aber nicht die Verzweiflung. Allenfalls die verzweifelte Komik, in der Schmerz und Scherz sich schneiden wie die Klingen einer Schere, die morden kann, aber auch den heilenden Faden bemisst. Wenn man George Tabori nach seinem Beruf fragte, nannte er sich: „a playmaker“. Und weil er, anders als sein Vater und einige seiner Verwandten, dem Holocaust entkommen war, wollte der ungläubig gläubige Freigeist einer lähmenden Todtraurigkeit nie zu viel Spielraum geben. Nicht im Leben und nicht in der Kunst. Dazu lachte, lebte und liebte der Spielmacher George Tabori zu gerne.

Nur die Liebe war ihm, trotz all ihrer Unruhestiftung, Eifersüchte und Verrücktheiten, über jeden Zweifel erhaben. Von der Liebe sprach Tabori auch, als er sich 1992 für den Georg-Büchner-Preis bedankte. Es war ja ohnehin ein überraschender Akt der Zuneigung und späten Liebe: dass der in der Dämmerung des Habsburger Reichs 1914 als György Tabori geborene ungarische Jude mit britischem Pass nach all seinen langen Fluchten und Wanderjahren als erster Englisch schreibender Romancier, Dichter und Dramatiker diese höchste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur erhielt. Und dann sprach er in seiner Dankesrede über die Liebe. Über dieses pathetische, manchmal peinliche, im Englischen etwas grunzend klingende – „love“ – und im Deutschen so silberhelle Wort „Liebe“.

Er hatte keine Land-Liebe, denn er hatte kein eigenes Land und wollte es nicht haben. Seine Heimat, sagte er, war das Bett und die Bühne, und außer einem Flügel zum Musizieren oder sich darin Verstecken war das Bett auch sein Lieblingsrequisit auf der Bühne. Die Liebe aber galt zuerst den Frauen, sie galt zudem der Literatur und irgendwann auch dem Theater.

Am kommenden Samstag wäre er 100 Jahre alt geworden. Ab heute Abend im Berliner Ensemble, seiner letzten Bühne, wird er nun gefeiert, mit Lesungen, Aufführungen, Filmen, Fernsehaufzeichnungen, Hörspielen. Am Donnerstagabend wird im Berliner Festspielhaus zudem der George-Tabori-Preis verliehen (mit Sasha Waltz & Guests), und am 24. Mai, dem Geburtstag, findet im BE eine Tabori-Gala statt mit David Bennent, Cornelia Froboess, Miriam Goldschmidt, Ursula Höpfner-Tabori, Leslie Malton, Jürgen Flimm, Claus Peymann und vielen anderen. In Wien, Taboris anderer Theaterheimat, wollen ihm am 22. 5. seine Lieblingsschauspieler Gert Voss und Ignaz Kirchner eine besondere Hommage bereiten: als Variation seiner/ihrer legendären, 1998 auch beim Berliner Theatertreffen bejubelten Burgtheater-Beckett-Inszenierung „Fin de partie“ („Endspiel“)...

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