Georgette Dee im Tipi : Flaschengeister mögen’s hochprozentig

Georgette Dee singt wieder im Tipi am Kanzleramt: Es ist die erste neue Show seit der Wiedervereinigung mit ihrem Pianisten Terry Truck. Mit dabei auch: ein kosmopolitischer Flaschengeist.

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Georgette Dee
Georgette DeeFoto: Simon Wyss

Zwitterkunstwesen, Diva, Mutter der Bösartigkeit, große Liebende – Georgette Dee hat sich allen Festlegungen stets sardonisch lachend entzogen. Mit den blondsilbernen Haaren, die ihr vom Kopf wehen, Engel und Hydra zugleich, mit dieser rauchgeschwängerten Baritonstimme und dem Habitus derjenigen, die alles gesehen, jeden Mann gehabt hat. Die aber gerade mit dieser Abgebrühtheit auch anderes beglaubigt: Melancholie, eine tiefromantische Ader, die Sehnsucht nach einem Fetzen Echtem, Wahrem.

Die Dee ist geblieben, wer sie immer war, und das ist die wichtigste, beglückende Nachricht von der Berlin-Premiere ihrer Show „Georgette Dee … singt vom fliegenden Teppich“ im Tipi am Kanzleramt (am heutigen Sonntag, 19 Uhr, und dann wieder im November). Es ist ein Wiedersehen mit einer guten Freundin, die immer da war. Die aber das Älterwerden nicht wegignorieren kann. Ü 50, U 60, lautet die Diagnose. Da hilft nur umdeuten: „Aus Begehren wird Demut, aus Verzweiflung Nachsicht“, säuselt sie ins Mikro, neben ihr Terry Truck am Flügel. Die beiden Unzertrennlichen waren tatsächlich auseinander, dies ist ihre erste neue Show seit der Wiedervereinigung.

Ein Dschinn (nein, kein Gin!) kriecht aus der Flasche vom Flohmarkt, und den hat die Dee jetzt zu Hause. Er zeigt ihr die Welt vom Teppich aus, ferne Länder, Raum und Zeit sind bedeutungslos. Drei Wünsche hat sie, und dass sie den dritten nicht stellt, hält die Story in der Schwebe. Terry Truck ist ihr dabei viel mehr als Begleiter, malt Szenen, Atmosphären, kommentiert, schraubt die Musik chromatisch in die Höhe, wenn der Teppich sich erhebt, schlägt Beethoven an, wenn Weltharmonie ins Spiel kommt.

Keine beherrscht das Prinzip Abschweifung so souverän wie Dee. Chansons und Songs von Friedrich Hollaender und Randy Newman erklingen. Und Schubert, das Wiegenlied des Baches, zärtlich-tödliches Finale der „Schönen Müllerin“. Da entblößt sich eine, die gehärtet wirkt, deren Herz aber so weit offen steht wie Scheunentore. Wie lange muss man arbeiten, bis ein simpler Stolawurf zur einzig denkbaren Pointe wird? Georgette Dee hat diesen Punkt erreicht, schon längst.

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