Kultur : Georgette Dee sinkt

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Die Wasserkaraffe steht auf dem zugeklappten Flügel wie eine Mahnung: Nix mehr mit den Wodka-Orgien, die Georgette Dees frühere Programme zuweilen in die Endlosschleifen grandiosen Selbstmitleids abdriften ließen. Vorbei die wildwüchsige Anarchie, mit der sich Deutschlands Chansonkönigin seit zwei Dekaden durchs Leben und über ihre immer größer werdenden Bühnen gewühlt hat. Im funkelnagelneuen Tipi der Bar jeder Vernunft gleich vorm Berliner Kanzleramt erinnert nichts mehr an Off-Kultur, den Nährboden aller Kunst, die anders sein will. Und Georgette steht im Scheinwerferlicht wie eine Pflanze, der man die Wurzeln gekappt hat: In der ersten Hälfte des Abends noch leidlich frisch, dann zusehends, ja beängstigend dahinwelkend.

„Wegeliederer“ heißt das neue Programm, mit dem Dee und ihr Dauerbegleiter Terry Truck den regulären Betrieb des Tipi eröffnen: ein beliebiger Titel, der Eigenes und Fremdes vom Volkslied bis zu Whitney Houston zusammenbinden soll. Doch die meisten dieser Wege führen nirgendwohin, und erst recht nicht ins Herz. Ein Busladungsprogramm: Jeder Fahrgast erhält eine Grand-Prix-Parodie, eine Prise Polit-Kabarett und eine gute Dosis Großstadtverruchtheit; gratis dazu noch ein paar Witze zum Mitnachhausenehmen, wie die Diva in einem ihrer wenigen Momente alter Bissigkeit noch vermerkt. Truck liefert am Flügel den nahtlos noblen Barpianisten-Sound dazu – eine Reibungsfläche bietet er nicht. Die alten Fans gehen schon zur Pause, die übrigen zehren von der Präsenz, die Georgette immer noch besitzt. Und kichern, wenn sie „Ficken“ sagt. Jörg Königsdorf

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