Kultur : Geplapper am Toten Mann

ULRICH AMLING

Als Heiner Müller vor drei Jahren starb, glich sein Begräbnis einem Staatsakt.Sein Werk wurde gesammelt, gelesen, gewürdigt: ein großer Abschied - ein Abschied auch von der Welt, wie Müller sie sah? Aufführungen seiner Theaterstücke waren es jedenfalls nicht, die die Heiner-Müller-Gedenkstimmung durchbrachen, nur die Auseinandersetzung um die Gesamtausgabe seiner Werke sorgte kurzzeitig für Wirbel.Ist Müller, dessen Werk von der Historie besessen ist, selbst nur noch eine historisch interessante Fußnote? Die Heiner-Müller-Regiewerkstatt im Berliner Künstlerhaus Bethanien wollte, in Zusammenarbeit mit der Académie Expérimentale des Théâtres Paris, das Gegenteil beweisen - aus Müllers Texten Funken schlagen."Liebe, Schlachtfelder", dieser Leitfaden diente Regisseuren, Dramaturgen und Schauspielern aus Italien, Frankreich und Deutschland auf einer nächtlichen Reise durch Müllers Werk: nach der Station Brecht (1997) letzter Halt vor dem Projekt "Brecht Beckett Müller" im Dezember.

Beckett-Nähe unterstrich der Beitrag von Hannes Hametner und Marc Pommerening aus "Leben Gundlings".Lessing (Claudia Lietz) tritt dort wie Krapp auf, mit runder Blindenbrille, und spult sein letztes Band ab.Ohne Verwunderung darüber, was für ein Mensch er einmal war, beseelt ihn allein der Wunsch zu vergessen.Zwei Figuren, die nicht vergessen können, zwingt die Regisseurin Barbara David-Brüsch aus verschiedenen Müller-Stücken zu einer überraschenden Begegegnung.Medea (aus "Medeamaterial") und der Kroate (aus "Germania 3"), zwei Heimatlose, die tödlichen Haß in sich tragen.Zwei Mörder mit unheimlicher Leichtigkeit, hier die feenhaft-ironische Adeline Rosenstein, dort der unverwüstlich-vitale Roland Wiesnekker.Verschränkt in grotesk künstliche Bewegungsabläufe beschreiben die Schauspieler das blutige Ritual des Kindsmordes: grausam, komisch, unausweichlich.Kinder als Opfer zeigt auch Anna Langhoffs Beitrag aus "Zement".Ein Paar verliert sich im kommunistischen Aufbau der Sowjetunion.Das Kind verkommt im Heim.Die Utopie einer Revolution, die den Nachgeborenen ein menschenwürdiges Leben bringen will, scheitert.Die Kinder werden gefressen, die Menschheit stampft auf der Stelle: blutige Schlachtfelder.Im Bethanien tropfen Tomaten aus Dosen träge in Plastiksäcke: Die Eingeweide der Welt liegen offen."Solange es Ideen gibt, gibt es Wunden", schreibt der Dichter.

Und die Liebe? Die dramaturgischen Statements des Abends, wortreich wohl, hatten keinen roten Faden.Von der Unmöglichkeit der Liebe wurde gesprochen, davon, daß Müller klassische Liebesbilder denunziere.Es wurde gar die Frage gestellt, ob der Realsozialismus nicht an seiner Leugnung der Sinnlichkeit scheiterte.Antworten gab es keine, der Müller-Abend trat in seine fünfte Stunde, der Sauerstoff war aus den Köpfen gewichen.Flucht ins Biographische: Wie war das doch mit Müllers erster Frau und Mitarbeiterin Inge, die sich 1966 das Leben nahm? In einem Gedicht beschreibt Müller seinen Wunsch, sie auszugraben.Auf in den Garten.Dort Mutmaßungen über Inge - plötzlich Heiner Müller himself, brummend unter der Erde.Ausgegraben wird ein Tonbandgerät, darauf die Dichterstimme Endlosschliefen dreht.Dünn verhallt sie in der Sommernacht.Für heute Müllers letztes Band.

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