Kultur : Gepolstert

Sybill Mahlke

Der Taxifahrer sagt "Nagano", als er vernimmt, dass nicht die Philharmoniker gespielt haben. Mit dem Namen des Chefdirigenten und seiner vehementen Persönlichkeit ist es dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin gelungen, in der Öffentlichkeit neue Ausstrahlung zu gewinnen. Es tut dem ehemaligen Fricsay-Orchester keinen Abbruch, wenn heute vom Nagano-Orchester die Rede ist. Im Gegenteil. Lob dem Orchester, dessen Leistung den Aufwind spüren lässt! Selbst die Nachwuchs fördernde Reihe "Debüt im DeutschlandRadio" profitiert davon. In der Philharmonie ist zu erleben, wie die Musiker einem jungen Dirigenten zu dem Einstand verhelfen, der seiner Begabung entspricht: Ilan Volkov aus Israel.

Es ist keineswegs selbstverständlich, dass Spitzenorchester eine derartig engagierte Partnerschaft mit ihren Debütanten eingehen. Eine Altistin aus Kanada und ein Pianist aus Tschechien treten hinzu, beide Mitte zwanzig wie der Dirigent. Marie-Nicole Lemieux fügt in den feingesponnenen Kontrapunkt, den das Orchester Mahlers Rückert-Liedern beigibt, ihre gut gepolsterte, atemtechnisch noch entwicklungsbedürftige Stimme. Mehr Ausdrucksfarben hat Martin Kasík in dem Mozart-Konzert KV 488, ohne dessen kantable Zwanglosigkeit zu belasten.

Ilan Volkov dirigiert ein apartes Programm, das die Orchestersolisten herausfordert, was wiederum dem aufgehenden Stern des Maestro zugute kommt. Er ist über das Anfängerstadium weit hinaus. Den dichten Satz der Mahler-nahen Orchesterstücke Opus 6 von Alban Berg spielt das Orchester mit beachtlicher Transparenz. Auch in Strawinskys "Chant du Rossignol" entfaltet sich das instrumentale Raffinement von Flöte, Trompete, Pizzikato-Präzision und den Soli des meisterhaften Konzertmeisters zu lieblichem Gesang. Aus dem Nagano-Orchester ist für diesen Abend ein Volkov-Orchester geworden.

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