Kultur : Geräuschnebel

Der Gattung Streichquartett, einst Inbegriff traditionellen Komponierens und ängstlich gemieden, nähern sich Komponisten seit einigen Jahren mit nachmoderner Unbefangenheit.Ensembles wie das Berliner Kairos Quartett danken es ihnen mit der Aufnahme brandneuer Werke in ihr Repertoire, weisen sie aber auch in die Schranken durch deren Gegenüberstellung mit Klassikern unseres Jahrhunderts.

Im BKA nahm sich also Kairos der Uraufführung des zweiten Streichquartetts "Bruillards" von Thomas Hummel an und entwickelte tatsächlich einen hoch differenzierten "Geräuschnebel" aus bewußt rauschig gegriffenen Tönen, starkem Bogendruck, leichtem Tremolo, in dem "normale" Klänge die Ausnahme bilden.Diese scheinen mit ihren konventionellen Gesten dafür besonders deutlich aus dem spannungsvoll amorphen Gefüge hervor und enttäuschen damit ebenso wie mit ihrer formalen Disposition in Wiederholungs- und Variantenketten.Erst im letzten Drittel des halbstündigen Stücks konzentrierte sich Hummel auf stimmig ausgehörte, intern strukturierte Liegeklänge, die seine Ableitung des Materials aus Frequenzanalysen von Sprachklängen zumindest intellektuell nachvollziehbar machen.Diese Kohärenz des Schlußteils hätte man dem gesamten Werk gewünscht, vielleicht hätte durch eine Straffung des Beginns auch eine antithetische Großform erzielt werden können.

Der zweite Programmteil bot Weberns "Fünf Sätze" (1909), die das Quartett äußerst empfindsam, mit dem Mut zu Scheitern nahm, in den langsamen und besonders im letzten Satz aber glücklich triumphierte, Bela Bartóks drittes Streichquartett (1927), das hier weniger stürmisch als aggressiv erschien, und György Kurtágs Opus 1 von 1959.Hier lief das Kairos Quartett zur Höchstform an, arbeitete die divergierenden Charaktere schlüssig heraus und erfreute mit schlicht wunderschöner Klanggestaltung.So klingt im positiven Sinne routiniertes Musizieren.

VOLKER STRAEBEL

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