Kultur : Gerard Mortier, Chef der Spiele, über Musikpolitik und Moderne

Der österreichische B,espräsident Thom

Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil forderte in seiner Rede bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele, diese müssten zurückfinden zu "Harmonie", "Stil" und "Geschmack", zu "weihevollen Aufführungen". Er fordert etwa, man solle dem "Genius Mozart respektvoll und demütig huldigen".

Diesen Standpunkt halte ich für sehr gefährlich. Er kann rasch zu einer Debatte über "Entartete Kunst" führen. Immer tendiert die Kunstdebatte in Österreich schnell dazu, den Kulturbegriff auf Heimatkultur zu verengen. Kunst wird in Klestils Rede reduziert zur Trivialität. Von so einer Rede kommen wir schnell zur Bücherverbrennung. Ich glaube kaum, dass Mozart Lust gehabt hätte, dem Bundespräsidenten Klestil demütig zu huldigen. Wir wollen Mozart nicht versüßen, sondern immer wieder seine revolutionäre, überzeitliche Kraft zeigen.

Ähnlich sieht es wohl auch der Salzburger Landeshauptmann Schausberger, der sich Salzburger Festspiele wünscht anstatt Festspiele in Salzburg.

Das wollte der Mitgründer der Festspiele, Hofmannsthal, nun gar nicht. Er hatte ein internationales Künstlertreffen im Sinn, inspiriert durch den österreichischen Geist. Was die Herrschaften außerdem gerne vergessen, ist, dass neben Mozart auch Karl Krauss, Alban Berg und Anton Webern Österreicher sind. Österreich wird seit dem zweiten Weltkrieg immer wieder auf Sissi und den Heimatfilm reduziert. Dabei ist Österreich ein glänzendes Beispiel für ein sehr regionales Verständnis von Europa. Die Habsburger verstanden es besser als Napoleon, die Verscheidenheit der europäischen Völker zu erfassen. Österreich ist ein Land, wo, vor allem nach dem Zusammenbruch der Monarchie, ein sehr kritischer Geist herrschte. Ich respektiere den österreichischen Geist viel mehr als diese Leute meinen. Aber das ist mir manchmal fast unheimlich: Einserseits diese Intelligenz und andererseits dieses Zweifeln am Leben, diese Angst vor dem Leben - wie man sie von Robert Musil kennt.

Die Eintrittspreise der Salzburger Festspiele sind die teuersten Europas. Das schließt viele Kulturbegeisterte aus.

Gerade weil wir so hohe Kartenpreise fordern müssen, um unseren Eigenfinanzierungsanteil - 74 Prozent! - erbringen zu können, habe ich stets versucht, einen Teil der Tickets unter 600 Schilling, also unter 85 Mark, anzubieten. Am besten finde ich, wenn sich die Leute nicht für die billigen Karten interessieren, sondern auch für die Festspielidee. So gibt es Ende August in Salzburg ein Treffen der Jugend Europas. Diskussionen mit jungem Publikum sind mir auch wichtig für die kritische Auseinandersetzung mit meiner Dramaturgie. Es ist riskant, wenn man zu lange eine Institution leitet. Man hört auf, sich selber zu beobachten.

Ihre Entscheidung, die "Zauberflöte" zu günstigeren Preisen auf dem Messegelände der Stadt zu spielen, provozierte Kritik von der Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler. Sie glaubt, das verderbe die Preise.

Sie hat inzwischen zugegeben, dass es ein Irrtum war. Auch Mozart hat mit dieser Oper ja bewusst die Hofgesellschaft verlassen und ist in die Vorstadt gegangen. Aber es sollte keine populistische Veranstaltung werden. Achim Freyers Inszenierung fordert das Publikum immer noch heraus. Und die teuersten Karten sind auch dort noch teuer. Immerhin aber gibt es 10 000 Tickets zwischen 600 und 1600 Schilling, also zwischen 90 und 230 Mark.

Apropos populistisch: Die einzige Salzburger Tradition, die Sie nicht hinterfragt haben, ist der "Jedermann" auf dem Domplatz. Dabei wirkt die uralte Produktion im Umfeld der Mortier-Ära ganz besonders museal.

Zuerst dachte ich, ich müsse hier auch etwas verändern, etwa ein Musical daraus machen. Ivan Nagel hat mich überzeugt, als er die "Jedermann"-Aufführungen mit der Mitternachtsmesse der katholischen Kirche verglich: Traditionen, an denen man nicht rütteln sollte. Trotzdem hat es mir natürlich gefallen, dass Frank Baumbauer in diesem Jahr eine neue Besetzung mit Ulrich Tukur angeboten hat. Auch Peter Stein ist gedanklich immer wieder um den "Jedermann" geschlichen, hat auch mit Handke über Bearbeitungsmöglichkeiten gesprochen. Aber bis jetzt wir haben noch keine bessere Alternative gefunden.

Was für Bayreuth die Beschränkung auf Wagners Werke ab dem "Fliegenden Holländer", ist für Salzburg also der "Jedermann"?

Ich glaube, es gibt eine direkte Angst davor, den Fall anzugehen. Und man kann ja den "Jedermann" auch als spannenden Kontrast sehen. Und er ist immer ausverkauft - das bringt Geld, mit dem wir uns Experimente wie wie "Faust Version 3.0" von La Fura dels Baus leisten können.

Als in Berlin die Intendanz der Deutschen Oper zu vergeben war, haben viele nach Ihnen gerufen. Aber Ihre Forderung, die Deutsche Oper mit der Staatsoper zusammenzulegen, stieß bei der Politik auf Unverständnis. Ist Ihr Interesse an Berlin verlorengegangen?

Berlin ist eine Stadt, die im Augenblick jeden Europäer faszinieren muss. Das Publikum ist jung und aufgeschlossen und nicht so nouveau riche. Zugleich kommt derzeit eine neureiches Publikum hinzu. All das zu verfolgen, ist für Kunstmanager interessant. Die beiden Opernhäuser zusammenzulegen hätte ich für ein Signal wider die geistige Mauer zwischen Ost und West gehalten. Ich habe zu Kultursenator Radunski gesagt, dass es mir unverständlich ist, wie man den Mut haben kann, die beiden Deutschlands zu vereinigen, nicht aber die Opernhäuser in Ost und West-Berlin. So war die Wahl von Udo Zimmermann sicher die bestmögliche.

Ihr Vorschlag scheiterte auch an Barenboims Anspruch auf die Staatsoper.

Was die Politik vergisst, ist, dass es um die Zukunft der Kulturinstitutionen geht. Es wird immer schnell gefährlich, wenn man sich zu sehr von Personen abhängig macht - wie von Karajan in Salzburg. Außerdem glaube ich, dass man auch Daniel Barenboim in eine Doppelhaus-Struktur hätte einbinden können. Sicher soll man wichtige künstlerische Persönlichkeiten mit Respekt behandeln. Aber Namen allein dürfen ein Haus nicht blockieren.

Noch einmal: Könnte Berlin in Ihren Zukunftsplänen eine Rolle spielen?

Was mich jetzt interessiert, ist ein Ort, wo ich experimentieren kann. Wenn das in Berlin der Fall wäre, warum nicht? Nach meiner Salzburger Zeit will ich herausfinden, wie man die klassische Tradition einem jungen Publikum vermitteln kann, beispielsweise wie Konzertprogramme in den nächsten fünfzig Jahre aussehen können. Ich habe jetzt sehr lange Oper gemacht und 185 Neuproduktionen betreut. Nun suche ich neues Terrain.

Es geht Ihnen also nicht um einen bestimmten, neuen Ort?

Eine Zeit lang habe ich gedacht, ich müsste in die europäische Kulturpolitik gehen. Dann habe ich mir gesagt: Es ist für dich zu spät, in diesen Beruf einzusteigen. Also entwickle ich jetzt meine Ideen zu Konzertprogrammen der Zukunft. Wir brauchen weiter so große Orchester wie die Berliner Philharmoniker, das ist klar. Gleichzeitig formieren sich mehr und mehr spezialisierte Gruppen: für zeitgenössische Musik, für alte Musik. Gerade von Simon Rattle, der sich mit allen Strömungen beschäftigt, erhoffe ich mir für Berlin sehr spannende Vorschläge. Und es gibt da ein Projekt in Gent, in meiner Heimatregion Flandern, wo vielleicht eine Weiterentwicklung der Pariser "cité de la musique" entstehen wird, ein multifunktionaler Saal, in dem alles möglich ist, Bild, Musik, Tanz, Theater, wo klassisches Erbe neben ethnischer Musik gespielt wird und die besten Gruppen der Rockmusik auftreten, wo nicht zwischen Unterhaltungsmusik und ernster Musik unterschieden wird, sondern nur zwischen guter Musik und schlechter. Die flandrische Regierung entscheidet in den nächsten Monaten, ob das Projekt, das mich interessiert, auf die Beine gestellt wird. Aber ich will mich gern noch hier auf meine beiden letzten Jahre konzentrieren, weil ich spüre, dass in Österreich ein Kulturkampf ausbrechen wird, und ich muss dafür Sorge tragen, dass ein Nachfolger ernannt wird, der die Festspiele nicht zurückdreht.

Da werden schon Namen geraunt: der Züricher Opernintendant Alexander Pereira, Daniel Barenboim...

Bei den Namen möchte ich mich nicht einmischen, sondern bei den Visionen. Es geht darum, dass die Salzburger Festspiele weiter intellektuell eine leitende Rolle in Europa spielen. Darum sollte sich die Findungskommission nicht nur um Namen kümmern, sondern um Konzepte, um Strukturen.

Auch in Berlin soll es Veränderungen bei den Festspielen geben, wenn Ulrich Eckhardt 2001 aufhört. Gedacht ist an ein ganzjähriges Festival, mitfinanziert vom Bund.

Ulrich Eckhardt gehört zu den Kulturpolitikern, die ich immer sehr geschätzt habe. Wenn er noch Lust hätte auf Salzburg, er wäre einer meiner Wunschkandidaten. Ihm in Berlin nachzufolgen, ist eine ungemein schwierige Aufgabe. Ob ich so etwas könnte, weiß ich überhaupt nicht.

Die Stadt, die Sie als Kulturmanager gewinnen möchte, muss sich anstrengen.

Ich persönlich habe keine Eile.

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