Kultur : Geraubte Kulturgüter: Wem gehört die Kunst?

Waldemar Ritter

Es kann erfolgreich Bilanz gezogen werden, zehn Jahre nach der Unterzeichnung des "Vertrages der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit". Lediglich das Problem der Rückgabe von Kulturgütern bereitet beiden Seiten noch Schwierigkeiten. Denn kaum ein anderes Volk musste in seiner Geschichte so viele Wechsel durchleiden wie das polnische, wodurch dort Fragen der Kultur immer etwas Besonderes haben. Schließlich waren Polens Künstler stets Hüter des nationalen Erbes und wie die Kirche "Beschützer" der polnischen Identität.

Umso schwerer wiegen Vernichtung und Raub von zwei Dritteln der polnischen Kunstwerke. Umgekehrt wurden 1943 / 44 deutsche Kulturgüter zum Schutz vor Bombenangriffen nach Schlesien ausgelagert, die sich bis heute in unserem Nachbarland befinden. Dazu gehört ein Großteil der einstigen Bestände der Preußischen Staatsbibliothek ("Berlinka"), Exponate aus dem Berliner Zeughaus, Teile der legendären Deutschen Luftfahrtsammlung, Kunstwerke und Archivalien aus kirchlichem und privatem Besitz.

Vorgefunden, nicht geraubt

Während Polen darauf dringt, die in Deutschland vermuteten Kulturgüter zurückzuerhalten, will die deutsche Seite die damals ausgelagerten Kunstwerke wieder an ihren ursprünglichen Standort zurückführen. Angesichts der Menge polnischer Kunstschätze, die von Deutschen vernichtet wurden, fällt es vielen Polen schwer einzusehen, warum sie die Kulturgüter zurückgeben sollten. Sie haben diese ja nicht geraubt, sondern vorgefunden.

Gleichzeitig vermuten polnische Politiker und Wissenschaftler in Deutschland größere Mengen von Nazis geraubter Kunst. Die 1995/96 anhand polnischer Suchlisten vom Bundesministerium des Inneren initiierte Fragebogenaktion in 550 deutschen Kultureinrichtungen brachte allerdings keinen Erfolg. Die in Polen prompt aufkeimenden Zweifel sind jedoch unbegründet, weil sämtliche Museen und Archive offen stehen.

Die deutsche Seite vertritt gegenüber polnischen Rückgabeforderungen die Auffassung, dass Archivalien in erster Linie nicht Erzeugnisse eines Territoriums, sondern Werke der darin lebenden Menschen sind. Die deutsche Bevölkerung prägte seit Jahrhunderten die historischen ehemaligen preußischen Ostgebiete, ihr Wirken ist Geschichte nicht nur dieser Region, sondern Deutschlands geworden. Deshalb sind Bestände, die größtenteils schon vor dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin gebracht wurden, den Menschen zuzuordnen, die sie schufen. Insofern fußt auch das Provenienzprinzip darauf, dass die Gesellschaft primäres Element des Staates sei.

Verschleppt, nicht besessen

So ist es nicht verwunderlich, dass es immer wieder zu Missverständnissen, ja Unterstellungen kommt. Ein Beispiel dafür ist der kürzlich in der Warschauer "Zycie" erschienene Artikel "Die begehrte Berlinka". Eigentlich sollte man die Übergabe der Luther-Bibel aus den Krakauer Beständen der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek Berlin bei Gerhard Schröders Warschauer Staatsbesuch am 6. Dezember 2000 für einen Durchbruch halten. Doch im besagten Artikel, in dem sich auch der bisherige Delegationsleiter der polnischen Seite Kowalski äußert, wird erneut die These aufgestellt, die "Berlinka" sei nach geltendem Völkerrecht polnisches Eigentum. Von Rückgabe könne nicht die Rede sein; die Deutschen hätten schließlich die nach Schlesien ausgelagerten Teile der Preußischen Staatsbibliothek dorthin "verschleppt". Gefordert wird, dass 80 Prozent der Archivbestände aus den polnischen Westgebieten in die "wiedergewonnenen Gebiete zurückgegeben" werden sollten. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass ein polnisches Staatswesen in einigen der betroffenen Gebiete (u.a. Schlesien, Danzig, große Teile Ostpreußens einschließlich Königsberg) vor 1946 gar nicht vorhanden war. Insofern ist die Geschichte dieser Territorien auch nicht polnische Geschichte, sondern im Guten wie im Bösen deutsche oder preußische Geschichte. Daraus folgt: Die Westverschiebung Polens ist als ein Kriegsergebnis anzusehen, nicht jedoch als Wiederherstellung eines polnischen Staates, der so nie existiert hat.

Natürlich ist Deutschland bereit, die Kulturgüter Polens zurückzugeben, die im Zweiten Weltkrieg geraubt wurden, beispielsweise eine Kollektion von 73 Urkunden des Deutschen Ordens. Bei wissenschaftlichem Interesse wäre es auch möglich, von den im Geheimen Staatsarchiv des Preußischen Kulturbesitzes befindlichen Archivalien Mikrofilme anzufertigen und diese zu übergeben. Außerdem will die Stiftung Preußischer Kulturbesitz über langfristige Leihgaben und die Anfertigung von Faksimiles von Teilen der "Berlinka" nachdenken.

Im Mittelpunkt der deutschen Wünsche steht nach wie vor die Rückkehr der in Krakau aufbewahrten Sammlungen der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek. Auch hier handelt es sich um Handschriften und Dokumente, die eng mit der deutschen Kultur verbunden sind: Teile der Bach- und Beethoven-Nachlässe, die Varnhagen-, die Lessing- oder die Martin-Luther-Sammlung.

Immer mehr wird da die Frage laut, von welchen Lösungsvarianten man sich leiten lassen sollte: von juristischen, nationalen oder historischen? Am besten vom gesunden Menschenverstand, verbunden mit den anerkannten zivilisatorischen und kunstgeschichtlichen Standards. Das Plocker Pontifikale heißt nicht Münchener Pontifikale, und die Schriften von Herder, Lessing und Martin Luther sind eben in Deutschland und nicht in Krakau zu Hause. Die die staatliche Identität Polens begründenden 73 Urkunden des Deutschen Ordens gehören deswegen nach Warschau und nicht nach Berlin.

Das Europa der Zukunft muss eine Kulturgemeinschaft sein; die europäische Identität wird dabei aber eine zweifache sein, denn die Europäer werden stets sowohl ihre nationalen Besonderheiten wie auch das gemeinsame Erbe prägen. Deshalb ist auch die Restitution von Kulturgut wichtig für die Schaffung Gesamteuropas. Der Beitritt Polens zur Europäischen Union ist davon nicht zu trennen. Wenn Gerhard Schröder und sein Amtskollege Buzek sich zu erneuten Gesprächen treffen, dann ist zu hoffen, dass Wege für die Zukunft gefunden werden und die Kultur dabei eine wichtige Rolle spielt, damit dieser Stein des Anstoßes, der Polens Beitritt in die Europäische Union bremsen könnte, ausgeräumt wird.

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