Kultur : Gerettet! Gespeichert!

KERSTIN DECKER

Im "Central" neben den Hackeschen Höfen läuft gerade die Reihe "Philosophie im Kino".Täglich von 14 Uhr bis 18 Uhr gibt es Heidegger, Habermas sowie die philosophische Überwindungsform beider: Gehirne in Reagenzgläsern, künstliche Intelligenz überhaupt.Zwischendurch kommen die Skeptiker, die Melancholiker und denken über das Zur-Welt-Kommen nach (Sloterdijk) oder über den Zusammenhang von Zeit und Glückseligkeit (Theunissen).

Wer hinterher überprüfen will, wie das alles zusammenpaßt und ob überhaupt, könnte sich "Conceiving Ada" ansehen."Conceiving Ada" ist die Synthese aus Bill Gates und Lord Byron, oder besser: Lord Byrons Tochter.Sagen wir es so: wer diese Synthese für möglich hält, hält auch diesen Film für möglich.Das ästhetische Urteil wird zu einem philosophischen.

Lord Byrons Tochter, Ada Byron King, Gräfin von Lovelace, gilt als die Mutter aller Programmierer, als Erfinderin der ersten Computersprache.Enthusiasten nennen sie "Künderin der digitalen Revolution".Als die Regisseurin Lynn Hershman Leeson zum ersten Mal von ihr hörte, habe sie sofort gewußt, daß sie einen Film über Ada machen müßte.Aber wie?

Emmy, eine junge Programmiererin der Jetztzeit, versucht an ihrem Computer Verbindung mit Ada Byron King aufzunehmen, gestorben Mitte des 19.Jahrhunderts.Man hat Philosophie einmal definiert als das Gespräch der großen Geister über die Zeiten hinweg.Jetzt müßte man das ändern in: Gespräch der großen Programmierer über die Zeiten hinweg.Denn die digitale Revolution ist ja die Einlösung und Wiedergeburt der Metaphysik.Das neue Absolute ist die Information.Sie besitzt alle Eigenschaften des Absoluten - vor allem die der Ewigkeit.Emmy formuliert das im Film so: Informationen gehen nicht verloren.

Wer dieses Glaubensbekenntnis, diese metaphysische Dimension des Computerzeitalters nicht mitdenkt, wird die Ernsthaftigkeit von Emmys Versuchen, Ada Byron King digital wiederzubeleben - es ist die Ernsthaftigkeit der Regisseurin! - nicht begreifen.Sogar der alte Erlösungs- und Auferstehungsgedanke findet jetzt zu sich.Am Ende bekommt Emmy ein Kind.Es ist eine Tochter: ein Klon Ada Byron Kings.Ada ist gerettet.Ist gespeichert! Save!

Vielleicht läßt sich das Computeruniversum nicht einmal argumentativ begrenzen, wohl aber ästhetisch."Conceiving Ada" ist Trash.Digitaler Kitsch.Trotz Tilda Swinton als Ada Byron King.Die Geburt des Kunstwerks aus dem Geist des Computers funktioniert nicht.Denn die digitale Welt hat kein Talent zur Tragödie.Ihr fehlt die entscheidende Dimension - die Endlichkeit.Unendliche Naturen sind kindliche Naturen.Das ist vielleicht das einzige, was man an Gott kritisieren müßte.

"Conceiving Ada" ist demnach ein Lehrfilm.Er ersetzt ganze Oberseminare.Denn Oberseminare sind - meistens - abstrakt.Film ist konkret.Oder besser: konkret-allgemein im Hegelschen Sinne.Erfahrungswissenschaft.

Eiszeit

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