Gerhard Merz zum 70. : Räume aus Licht

Die Kunst von Gerhard Merz war ein stummes Spektakel, immer der Schönheit, der Spannung zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit verpflichtet. Heute wird er 70 Jahre alt. Eine Gratulation.

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Der Künstler Gerhard Merz. Er stellte vier Mal auf der documenta aus und vertrat 1997 den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig. Heute hat er sich weitgehend aus dem Ausstellungsbetrieb zurückgezogen. Foto: picture-alliance/ dpa
Der Künstler Gerhard Merz. Er stellte vier Mal auf der documenta aus und vertrat 1997 den deutschen Pavillon bei der Biennale in...Foto: picture-alliance/ dpa

Manch einer in Berlin erinnert sich noch des Spektakels, das die mit unzähligen Neonröhren in „Lichtsäulen“ verwandelten Baukräne am Potsdamer Platz vor Tausenden von staunenden Zuschauern entfalteten. Das war im Sommer 1996, als die Baustelle von der legendären „Infobox“ aus zu überblicken war. Inszeniert hatte das Schau-Spiel Gerhard Merz, der 1947 im bayerischen Mammendorf nahe München geborene Künstler, der in den neunziger Jahren mit seinen Installationen grellweißer Neonröhren im Inneren wie außerhalb von Räumen Furore machte. 1997 wurde er berufen, im Deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig auszustellen.

Merz war immer sperrig. Er sperrt sich gegen alle Geschwätzigkeit, gegen jede Interpretation seiner Arbeiten. Ihm ging es, maßlos wie er in Kunstdingen ist, um nichts weniger als „Schönheit“, und die sei „stumm und leer“. Eingeweihte mochten darin die Denkfiguren eines Paul Valéry entdecken. Merz hat immer darauf hingewiesen, dass andere vor ihm alles gedacht hätten und es darauf ankäme, „aus dem Riesenangebot an schon Vorhandenem das Richtige auszusuchen“. Gern bezieht er sich auf den Architekten Mies van der Rohe, was die kompromisslos bis zum Extrem getriebene Rationalität angeht. „Ed io anche sono architetto“ hat er in makellosen Buchstaben auf große Leinwände geschrieben, die „Bilder“ zu nennen sich verbietet: „Auch ich bin Architekt.“

Ausflüge in die Architektur

So hat er denn selbst Ausflüge in die Architektur unternommen. In der Nähe von Dresden hat er bis 1998 ein flaches Betonbauwerk errichten lassen, das keine Aufgabe erfüllt, außer der, wohl ausgemessene Räume zu beinhalten. In Hannover errichtete er bald darauf innerhalb der riesigen Halle des stillgelegten Postbahnhofs einen temporären Pavillon, getragen von filigranen Stützen, in dem zwei Reihen von insgesamt 1272 Neonröhren ein unerträglich helles Licht verbreiteten. Das Weiß, das Malewitsch noch auf die Leinwand malte, brannte Merz mit seinen Lichtskulpturen direkt auf die Netzhaut des Betrachters. Im Grunde drängte es Merz zu dem, was man früher einmal „Raumkunst“ nannte; zur Gestaltung von Innenräumen – was er andererseits doch im Sinne seines Ideals stummer Schönheit mied. Kaum einmal kam es zur Zusammenarbeit bei Bauaufträgen wie etwa bei der Renovierung des Altbaus des Auswärtigen Amtes in Berlin. Dort entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekten Hans Kollhoff ein Kunstkonzept, „das durch die Anbringung zumeist monochromer Farbflächen in wichtigen Gebäudeteilen dem Bau zu neuer Frische und Farbigkeit verhilft“, wie die etwas hilflose Beschreibung des Amtes selbst lautet.

Merz ist wegen der Weigerung, seine Kunst wortreich zu begleiten, vor allem aber wegen seines demonstrativen Anspruchs heftig angefeindet worden, fand umgekehrt aber gerade seiner Haltung wegen zahlreiche, bisweilen hymnische Verehrer. Merz polarisierte. Ausgebildet an der Münchner Kunstakademie in den Jahren von 1969 bis 1973, wurde er bereits 1977 erstmals zur documenta nach Kassel eingeladen, bei der er weitere drei Mal in Folge vertreten war und zudem 1983 den renommierten Arnold-Bode-Preis der Stadt Kassel erhielt.

Er hat sich aus dem Ausstellungsbetrieb weitgehend zurückgezogen

1991 folgte eine Berufung nach Düsseldorf, bis er 2004 an die Kunstakademie München wechselte und der Kreis sich schloss. Aus dem Ausstellungsbetrieb hat Merz sich weitgehend zurückgezogen, als habe er alles getan, gezeigt und mit wenigen Worten gesagt, was er mitzuteilen hatte. Immerhin eröffnet sein Münchner Galerist Walter Storms demnächst eine Ausstellung neuerer Arbeiten. Ihr vorangestellt ist ein Wort von Paul Cézanne: „Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet.“ Ob tatsächlich vom großen Meister oder ihm zugeschrieben – es kennzeichnet das Werk von Merz, das er mit seinen Lichtskulpturen vorgeführt hat und das aus der Spannung lebt von begrenzter Dauer und ewigkeitlichem Anspruch.

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