Kultur : "Gerhards Vater"

CHRISTOPH FUNKE

Gerade erst hat Joachim Tomaschewsky Premiere gehabt.In Christoph Schlingensiefs "Berliner Republik", dem Boulevardstück um Gerhard Schröder, spielt er "Gerhards Vater".Das ist, in der verblüffenden Erfindung des Autors, ein deutscher Kolonialoffizier in Namibia.Tomaschewsky zeigt den alten Herrn in knapp sitzender Uniform drahtig, preußisch, mit Kommandostimme, als ein Witzbild kleinbürgerlichen Machtgelüstes.Der höchst befragenswerten Figur gibt er sprachliche Prägnanz, holt sie aus offenkundiger Spaßerei heraus - rettet sie durch das Arbeitsethos eines erfahrenen Schauspielers.Und aufhören will der Mime noch lange nicht, unter Frank Castorfs Regie probt er jetzt drei Rollen in dem Stück "Dämonen" nach Dostojewski.Anfang Mai ist Premiere im Burgtheater Wien.

Der Weg auf die Bühne begann für Joachim Tomaschewsky, am 1.April 1919 in Chemnitz als einziges Kind einer Arbeiterfamilie geboren, mit einem Stolperschritt.Seines sächsischen Dialektes wegen wurde er von einer Berliner Schauspielschule abgelehnt, paukte hart beim Sprachlehrer und bestand danach die Aufnahmeprüfung.1936 engagierte ihn Leni Riefenstahl für den Olympiafilm als Kamera-Assistenten, drei Jahre später gab es den ersten Vertrag als "Anfänger" in Guben.Der Vertrag blieb Papier, Tomaschewsky wurde eingezogen, kam nach Frankreich und versuchte bei einer Soldatenbühne erste Erfahrungen zu sammeln.Frauen in den Stücken mußten die Männer mitspielen - "ich besonders, hatte hübsche Beine".

Die eigentliche Theaterlaufbahn begann im Juni 1945 in Chemnitz.Weitere Stationen waren dann Leipzig, Halle und wieder Leipzig.1962 holte Fritz Wisten den Schauspieler, gemeinsam mit seiner Frau Gisela Morgen, an die Volksbühne nach Berlin.Bis zum Jahr der Wende spielte Joachim Tomaschewsky in über 100 Produktionen, übernahm viele Aufgaben auch bei Film und Fernsehen.Höhepunkt war die Zusammenarbeit mit Benno Besson.In der legendären Inszenierung des "Guten Menschen von Sezuan" verkörperte er einen der Götter.

Den bereits entlassenen Schauspieler holte Frank Castorf bei seinem Amtsantritt ins Ensemble der Volksbühne zurück."Eine wunderbare Zeit - Aufbruch, Kampf ums Überleben, dann die ersten großen Erfolge für das Haus", rühmt Tomaschewsky.Er hat sie mit erstritten, als verläßlicher Spieler auch in den so wichtigen kleineren Rollen, von Gloster in Shakespeares "König Lear" über die Doppelaufgabe Staffelkapitän/Oderbruch in Zuckmayers "Des Teufels General" bis zum Schullehrer in Tschechows "Drei Schwestern" unter der Regie von Christoph Marthaler.Phantasievolle Arbeit, die in Geste und Sprachgestaltung stimmt, ist für Tomaschewsky selbstverständlich.Mit Freude arbeitet er an einem Haus, das seiner Meinung nach "wie kein anderes Theater in Deutschland sich frech und unkonventionell mit den Problemen der bundesdeutschen Gesellschaft auseinandersetzt".Kein bißchen abgeklärt, sondern tatendurstig wie eh, steht Tomaschewsky auch heute an seinem Achtzigsten auf der Bühne: als "Gerhards Vater".

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