Kultur : Gerichte, zusammengetragen von Alice Vollenweider

Gregor Dotzauer

Kein Hochglanzpapier, kein Foodstyling und keine Anleitungen von Schritt eins bis zehn: Alice Vollenweiders in knallrotes Leinen gebundener Salto-Band über die Küche der Toscana ist eine prosaische Angelegenheit mit eigener Verführungskraft. Wie viele Bücher über das Essen ist auch dieses in hohem Maß Fiktion. Nicht so sehr, weil die als Übersetzerin von Natalia Ginzburg und Giorgio Manganelli bekannt gewordene Autorin es mit kulturhistorischen Anekdoten anreichert und Begegnungen mit dem Schriftsteller Antonio Tabucchi oder dem Künstler Daniel Spoerri, die ihre Lieblingsgerichte vorstellen. Und schon gar nicht, weil einem das Kochen nie so gelingen wird, wie Vollenweider es beschreibt. Sie sind Fiktion, weil es die Vorstellungskraft reizt, wie da Seppie inzimino, Tintenfisch in scharfer Sauce, mindestens eine köstliche Stunde lang vor sich hinschmurgelt, während dieselbe köstliche Stunde im Leben einem schon ziemlich lang werden kann. Und sie sind Fiktion, weil man sich die bestechende Einfachheit von Crostini di cavolo, gerösteten Brotschnitten mit Kohl (aus nichts anderem als Grünkohl, Brot, Knoblauch, Olivenöl, Salz und schwarzem Pfeffer) auf dem Papier vergegenwärtigen muss, um nicht in der Wirklichkeit von einem opulenten Mahl überrascht zu werden. Die Zutatenlisten allein lesen sich dagegen wie Gedichte: kurz, konkret, mit viel Weißraum zwischen den einzelnen Versen. "Wenn eine Speise nur zwei oder drei Zutaten enthält", schreibt Vollenweider, "lässt sich nichts vertuschen. Einfach kochen ist auch schwierig." Dieses kleine toskanische Kochbuch lässt sich also auch als Lebensbuch lesen. Oder wie Tabucchi sagt: Kochen ist eine Art Zen für jedermann.Alice Vollenweider: Die Küche der Toskana. Eine Reise durch ihre Regionen mit 32 Rezepten. Verlag Klaus Wagenbuch, Berlin 2000. 144 Seiten, 26,80 DM.

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