Kultur : Gerichtsstreit: Nicht von Brecht erben

KAI MÜLLER

Heiner Müller-Stück verbotenVON KAI MÜLLERKaum hat der Suhrkamp Verlag den ersten Band einer umfangreichen Heiner Müller-Ausgabe (mit Gedichten) veröffentlicht, wird die Publikation von "Germania 3", dem letzten Stück des Dichters, vom Oberlandesgericht München verboten.Entgegen anderslautenden Meldungen richtet sich das Verbot nicht gegen Rotbuch, sondern gegen den Kiepenheuer & Witsch-Verlag, der die Rechte an dem Stück hält.Die Richter entschieden, daß die von Müller verwendeten Texte aus Brechts "Coriolan"-Bearbeitung und aus seinem "Leben des Galilei" unzulässig seien.In einer vorläufigen Erklärung des Gerichts heißt es, daß die verwendeten Brecht-Texte nicht "als Anregung zu neuem, selbständigem Schaffen" aufgefaßt werden könnten, sondern im Gegenteil "die Szene trügen, in die sie übernommen seien" und "das Werk, das sonst ein Torso bliebe, vervollständigen".Das gelte auch, obwohl Müller die Brecht-Texte in einen anderen Kontext stelle.Das Urteil bezieht sich auf die im Handel befindliche Ausgabe, die nicht weiterverbreitet werden darf.Die Aufführungsrechte sind von dem Urteil nicht betroffen, da der Henschel-Verlag sich die Zweckentfremdung der Texte bereits vor der Uraufführung des Stücks von den Brecht-Erben genehmigen ließ. Müller hat in die lose Szenenfolge seiner Deutschland-Paraphrase Textblöcke montiert, die, wie die Rede des Mönchs aus dem "Galilei" oder die Rede des Coriolan, sehr bekannt sind.Sie markieren Müllers Neigung, sich als Autor unsichtbar zu machen und eine moderne Collage zu schreiben, dessen Teile dem Theater als Arbeitsmaterial verfügbar bleiben."Germania 3" ist aber auch eine satirische Auseinandersetzung Müllers mit Brechts zerfallendem Imperium, dem er zwar nicht persönlich angehörte, dessen "Erbe" er sich als Leiter des BE allerdings eng verbunden fühlte.Der Versuch des Brecht-Clans, den einzigen renommierten Nachfolger nach seinem Tod zu verklagen und ihm geistigen Diebstahl vorzuwerfen, ist erneut ein bitterer Beleg für die merkwürdige Denkmalpflege der Familie.Sie hat Müller wohl nicht verziehen, daß er die Parodie gesucht hat, um das Vakuum im Zentrum des Brechtschen Theater-Kosmos zu beschreiben.Der Vorwurf wirkt kurios - angesichts Brechts eigener Freizügigkeit gegenüber fremdem geistigen Eigentum.Daran verdienen auch die Erben nicht unerheblich.

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