Kultur : Gerichtstag

Da steht steht ja der Dichter! Was will er denn hier? Auf der Vortreppe des Den Haager Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien hat der Dichter sich zu den Belgrader Anwälten des hier angeklagten Slobodan Milosevic gesellt. Er plaudert in der Landessprache. Peter Handke beherrscht sie, denn seine Mutter war Slowenin. Er ist, so wurde berichtet, Ehrenbürger von Serbien, und er tritt so vehement wie poetisch gegen die Verurteilung des serbischen Volkes ein. Dieses Anliegen teilt er mit der Chefanklägerin Carla del Ponte. Die Schweizer Juristin hatte gleich zu Beginn ihrer Eröffnungserklärung im Prozess gegen den jugoslawischen Ex-Präsidenten betont, es gehe hier nicht um eine Kollektivschuld. Die Kollektivschuld eines Volkes gibt es so wenig, wie es die faschistische oder stalinistische "Sippenhaftung" geben durfte.

Carla del Ponte geht es um die nachzuweisende individuelle Schuld des Angeklagten. Sie bezichtigt ihn bekanntlich des Völkermords. Wahrscheinlich weiß sie nicht, und es interessiert sie nicht, dass der Dichter hierher gekommen ist, melancholisch dreinblickend, zwischen Wut und Wehmut gestimmt. Die Belgrader Anwälte übrigens gehören zu jenen ein wenig dubios anmutenden Mannsbildern, die man keineswegs nur auf dem Balkan findet. In ihren schnittigen Anzügen, mit ihrem skeptisch belustigten Auftreten und ihren fesch bepelzten Freundinnen wirken sie wie vom Casting eines B-Movies bestellt. Doch der Dichter sucht ihre Gesellschaft. Er fühlt sich selbst, wie er alle Welt immer wieder hat wissen lassen, als Anwalt Serbiens, als Verteidiger sogar von Milosevic oder von Karadzic, der doch auch ein Dichter sei. Peter Handke erscheint in Den Haag im Auftrag eines deutschsprachigen Blattes, aber erst an dem Tag, als Slobodan Milosevic seine die Nato und den Westen als Verschwörer- und Verbrecherbande attackierende Rede hält.

Offenbar ist er nur für den einen Tag gekommen. So verpasst er jenen Augenblick, da der Angeklagte gestern um 10 Uhr 30 selbst auf Peter Handke zu sprechen kommt: als einen Gewährsmann für die serbische Sache. Und am Mittag wurde von der Verteidigung ein TV-Filmclip präsentiert, in dem Handke unter anderem gegen die "FAZ"-Berichterstattung über den Balkan wetterte. Die einleitende Erklärung der Anklage zu hören, hatte sich der Dichter ohnehin erspart. Sie wäre auch wenig geeignet, einen Mann zu erfreuen, der von Srebrenicas serbisch orthodoxen Kirchen oder der Baumblüte berichtete und kein Wort auf den Massenmord an 8000 Menschen verschwendet, der dort geschah, nachdem eine UN-Schutztruppe die bosnische Stadt der serbischen Armee übergeben hatte.

Eine Journalistin aus den USA spricht den Dichter an. Was er denn von Slobodan Milosevics Rede halte? Es ist ein leidenschaftlicher Mann, erklärt der Dichter leise, der verteidigt sein Land. Ob er glaube, fragt die Dame, dass Slobodan Milosevic einen fairen Prozess erhalten werde? Dazu gebe ich keinen Kommentar, versetzt der Dichter knapp. Er scheint das Tribunal nicht besonders zu schätzen. Das ist, im Rechtsstaat, sein gutes Recht. Zur Lektüre empfohlen seien ihm dennoch, vor der nächsten Balkanreise, die Zeugenaussagen der Überlebenden von Srebrenica. Oder ein künftiger Tribunal-Besuch, wenn überlebende Albaner aus dem Kosovo sprechen. Doch zuerst wird Handke wohl selber Gerichtstag halten wollen, über dieses Gericht.

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