Germaine Krull im Gropius-Bau : Die melancholische Poetin

Paris in den Zwanzigerjahren: Der Berliner Martin-Gropius-Bau erinnert an die französische Foto-Avantgardistin Germaine Krull.

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Zu Gast in Berlin. 1922 porträtierte Hans Basler die Fotografin Germaine Krull.
Zu Gast in Berlin. 1922 porträtierte Hans Basler die Fotografin Germaine Krull.Foto: © Estate Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen

Von Kurt Eisner, dem bayerischen Ministerpräsidenten der kurzlebigen Räterepublik von 1918, gibt es wenige Aufnahmen. Die schönste ist jetzt in der Ausstellung zum Lebenswerk der Fotografin Germaine Krull (1897 bis 1985) im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Nachdenklich stützt Eisner den Kopf in die rechte Hand, die Augen sind hinter dem Zwicker nur zu erahnen. Ein Revolutionär im Habitus eines bürgerlichen Professors, das Licht kommt von rechts, man meint, eine sorgsam komponierte Aufnahme aus der Zeitschrift „Camera Work“ von Alfred Stieglitz vor sich zu sehen. Dort wurde der Piktorialismus gepflegt, jene Richtung der Fotografie, die malerische Effekte durch Weichzeichnung und diffuse Lichtführung zu erzielen suchte.

Berühmt wird Germaine Krull 1928 mit ihrem Portfolio "Métal"

Zehn Jahre später macht dieselbe Fotografin dann Aufnahmen metallener Strukturen, von Kränen und vor allem dem Eiffelturm in Paris, der Stadt, in der sie seit Ende 1925 lebt. Aber erst das frühe Porträt macht die Industrieaufnahmen verständlich. Es ist gerade nicht die scharfkantige Modernität, die das „neue sehen“ in Deutschland fordert, sondern das, was ein Pariser Freund Krulls als ihre „melancholische Poesie“ bezeichnet hat. Diese Poesie drückt sich weniger in der Technik aus – obwohl Krull zu Mitteln wie der Doppelbelichtung greift –, sondern in jener eigentümlichen Stimmung, die stets ahnen lässt, dass sich hinter dem Sichtbaren noch anderes verbirgt – vor allem das Subjekt hinter dem Objektiv.

Germaine Krull: Selbsporträt mit Icarette, um 1928. Die Kamera für mittelformatige Rollfilme wurde in Dresden gefertigt.
Germaine Krull: Selbsporträt mit Icarette, um 1928. Die Kamera für mittelformatige Rollfilme wurde in Dresden gefertigt.Foto: Estate Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen, Photo © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / image Centre, Pompidou, MNAM-CCI

1928 erscheint von ihr ein Portfolio mit 64 Aufnahmen, das sie schlagartig berühmt macht: „Métal“. Da hatte sie gerade ein paar Seiten in der ebenfalls in diesen Jahren gegründeten, stilbildenden Illustrierten „Vu“ veröffentlicht, mit dem verwandten Sujet des Eiffelturms – der ihr anfangs gar nicht gefiel: „Er inspiriert mich nicht wie die Eisen in Amsterdam“, schrieb sie. Doch gerade die Aufnahmen des Turms lenkten die Aufmerksamkeit der Pariser Avantgarde auf Krull, denen Fotografie bis dahin eher wenig bedeutet hatte. „Der Eiffelturm steht beispielhaft für die schwierige Schnittstelle zwischen einer architektonisch-technischen und einer künstlerischen Modernität“, so Michel Frizot, der Kurator der zuvor im Pariser Jeu de Paume gezeigten Ausstellung im Katalog. Krull tauchte genau in dem Moment auf, in dem andere Fotografen einer neuartigen Sichtweise ihre Arbeit als Reporter aufnahmen, etwa André Kertész oder Éli Lotar.

Für die Zeitschrift "Vu" fertigte Germaine Krull Fotoreportagen an

Es begannen ihre produktivsten Jahre. Bis zu ihrem Weggang aus Paris 1935 hat sie rund 1300 Fotografien in Zeitschriften, vor allem in „Vu“, und in einer Handvoll eigenständiger Bücher publiziert. Für „Vu“ lieferte sie Auftragsarbeiten, die zeigen, was die Leserschaft am liebsten sah: Aufnahmen aus dem Pariser Alltag, dem sich Krull bis hin zu ihren Reportagen zum Leben der nicht zuletzt weiblichen Clochards bis zur Distanzlosigkeit näherte. Ausstellungen in führenden Avantgarde-Galerien kamen hinzu, gemeinsam mit Man Ray oder László Moholy-Nagy. Zudem erhielt sie Aufträge etwa der Pariser Elektrizitätswerke, um deren Anlagen zu fotografieren. Ihr frischer Ruhm verblasste, als jüngere, noch professioneller ausgerichtete Fotoreporter auf die Szene traten. 1935 verlässt sie Paris Richtung Marseille, wo eine weitere, an der technischen Moderne orientierte Publikation entsteht, mit der berühmten Hafenbrücke, und landet schließlich in Monte-Carlo, zunächst als Hausfotografin des Kasinos.

Der Illustrator Pol Rab, eine Fotomontage Germaine Krulls von 1930.
Der Illustrator Pol Rab, eine Fotomontage Germaine Krulls von 1930.Foto:© Estate Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen

Die sehr ruhig komponierte Ausstellung zeigt eine Fülle von Publikationen und um sie herum die Fotografien, die den Veröffentlichungen zugrunde liegen. Der Nachlass Krulls befindet sich im Essener Museum Folkwang, hier aber stammen die meisten Abzüge aus einer umfangreichen, mittlerweile in einem Museum bewahrten Privatsammlung. Vor 16 Jahren gab es bereits eine Krull-Retrospektive, seither gilt sie als Vertreterin der Avantgarde. Mit der Neuen Sachlichkeit eines Albert Renger-Patzsch hat sie jedoch nichts gemein, mit der Objektschärfe von Kértesz kaum mehr. Konkurrenz machte ihr Brassai mit seinem 1933 erschienenen Buch „Paris bei Nacht“.

Krull nutzte als Kamera die in Dresden gefertigte "Icarette"

Immerhin belieferte Krull zwei der damals so beliebten Fotobücher über Paris: „Paris“ von Mario von Bucovich und „100x Paris“, beide verlegt in Berlin, Ende der zwanziger Jahre die Stadt der Fotobücher überhaupt. Im Umkreis davon sind einige bislang unbekannte Aufnahmen aufgetaucht. Ihre Fotografien haben von allen Kollegen etwas, bis hin zu Atget, dem 1927 verstorbenen„Vater“ aller Paris-Fotografen, und seiner Entdeckerin Berenice Abbott, die Krull natürlich kannte. Ihr eigen war jene Melancholie, der sich die weichgezeichneten, wie durch Regen gesehenen Aufnahmen verdanken. Auch die Kamera spielt eine Rolle: Krull benutzte lange die in Dresden gefertigte „Icarette“ für mittelformatigen Rollfilm, die – anders als die zu Krulls Zeiten aufkommende Leica – mit einem wenig lichtstarken Objektiv ausgerüstet war.

Man könnte das Auf und Ab ihrer Produktion in ihrer Biografie spiegeln, die einen Roman erster Güte bildet. Ihre Liebschaften sind Legion, die Zahl ihrer Lebensorte ebenso, angefangen von ihrem Geburtsort 1897 in der damaligen preußischen Provinz Posen. Es ist ein Jammer, dass sie aus ihrem um Haaresbreite tragisch geendeten Moskau-Aufenthalt 1921 kein einziges Foto mitgebracht hat. 1929 war sie ein letztes Mal in Berlin, wo sie zuvor einige Jahre unstet gelebt hatte, anlässlich der Ausstellung „Film und Foto“ im selben Martin-Gropius-Bau, in dem ihre Retrospektive gezeigt wird. Die Aufnahme „Kanalisation“ dürfte am Kaiserdamm entstanden sein. In Berlin hatte sie den niederländischen Filmemacher und Kommunisten Joris Ivens kennengelernt und sich auch selbst im Film versucht. Im Zweiten Weltkrieg fotografiert sie nochmals verstärkt, unmittelbar danach geht sie nach Asien, wo sie hauptsächlich ein Hotel in Bangkok leitet. Erst im hohen Alter kehrt sie nach Deutschland zurück.

Immer wieder hat Germaine Krull Akte fotografiert. Eine 1934 erschienene Reportage hieß bezeichnenderweise „Frivolités“; der Einfluss der Pariser Kunstszene rund um den Surrealismus ist unverkennbar. Mit Aktdarstellungen hatte sie 1918 in München begonnen und 1923 in Berlin weitergemacht. 1930 veröffentlicht sie das Portfolio „Études de nu“. Die Akte bleiben der weichzeichnenden Art des Piktorialismus verpflichtet. Zur fotografischen Avantgarde zählte Germaine Krull nur für eine begrenzte Zeit – aber wie ertragreich waren diese Jahre!

Martin-Gropius-Bau, Berlin, Niederkirchnerstr. 7, bis 31.1., Mittwoch bis Montag. Katalog (Hatje Cantz) 25 €.

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