Gero von Wilpert : Ein Mann, ein Buch

Zum Tod des Philologen Gero von Wilpert.

Jörg Bernhard Bilke

Ein nützliches Fachbegriffsklärungskompendium verfasst zu haben, mag nicht gerade jener Ausweis an Unsterblichkeit sein, von der auch so mancher Wissenschaftler träumt. Mit seinem „Sachwörterbuch der Literatur“ aber wurde Gero von Wilpert Generationen von Philologiestudenten selber zum Begriff. Der „Wilpert“ war gewissermaßen die Bibel der germanistischen Proseminaristen – und auch so mancher eilige Examenskandidat fand darin erschöpfenden Rat. Nun ist sein legendärer Namensgeber am 24. Dezember, wie bereits kurz gemeldet, im Alter von 76 Jahren in Sydney gestorben.

Geboren am 13. März 1933 im estnischen Tartu, war von Wilpert mit den Eltern und seiner Schwester während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland umgesiedelt worden und studierte in Heidelberg Literaturwissenschaft, Altphilologie und Philosophie. Noch mitten im Studium, erarbeitete er mit dem jugendlichen Schwung seiner 22 Jahre das knapp tausendseitige „Sachwörterbuch der Literatur“, das bis 2001 in acht Auflagen erschien. Dass dieser „verlässliche Begleiter durch den Begriffsdschungel der Literaturwissenschaft“ heute weitgehend überholt ist, weil er der Terminologie der fünfziger Jahre verhaftet blieb, steht auf einem anderen Blatt.

Mit dieser Leistung wurde Gero von Wilpert, ohne sein Studium abgeschlossen zu haben, 1957 Lektor beim angesehenen Alfred-Kröner-Verlag in Stuttgart. 15 Jahre später ging er nach Australien und holte dort die Dissertation nach, die es ihm ermöglichte, in Sydney Professor zu werden. Dass er neben dem Sachwörterbuch auch eine „Schiller-Chronik“, ein „Goethe-Lexikon“ und ein „Deutsches Dichterlexikon“ verfasste, sollte dabei nicht vergessen werden.

Weniger von griffigem Allgemeinnutzen, dafür philologisch bedeutender dürfte die „Baltische Literaturgeschichte“ sein, die Gero von Wilpert nach einem Vierteljahrhundert der Vorarbeit 2005 im Münchner Beck-Verlag veröffentlichte. Darin wurde erstmalig umfassend die deutsche Literatur in der baltischen Diaspora Estlands und Lettlands beschrieben – mit der eingehenden Würdigung großer Namen, deren baltische Verwurzelung weithin in Vergessenheit geraten ist: von Eduard von Keyserling über Otto von Taube bis hin zu Werner Bergengruen und Siegfried von Vegesack. Literaturwissenschaftlich noch weitgehend unerforscht ist Vegesacks Romantrilogie „Die baltische Tragödie“, die den Zeitraum vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zu den kommunistischen Aufständen und Freikorpskämpfen umfasst. Auf diesen vergessenen Roman wieder aufmerksam gemacht zu haben, ist auch das Verdienst Gero von Wilperts.Jörg Bernhard Bilke

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