Kultur : Geruch vom Paradies

Irakisches Theater in Mülheim an der Ruhr

Dorothea Marcus

Dass man sich lebend wiedersehen würde, hätte keiner gedacht. Der Schauspieler Sinan Al-Azawi, 28, steht im Foyer des Theaters an der Ruhr. Er kommt aus der Hölle – wie sonst soll man Bagdad nennen, und wer verbindet die irakische Hauptstadt im Moment mit Kunst und Theater? Sinan nimmt in Mülheim an einer Konferenz zur Zukunft des irakischen Theaters teil. Die Ensembles, die hier gastieren, sind nach dem offiziellen Ende eines Kriegs entstanden, der das Land noch immer erschüttert und zerreißt.

Ein Jahr vor dem Krieg, im Al-Rashid-Hotel in Bagdad, wohin Roberto Ciullis Theater an der Ruhr zu einem Gastspiel gereist war, erzählte Sinan begeistert von seiner Rolle in einem gigantischen Musical zu Ehren Saddam Husseins, geschrieben vom Diktator selbst – „Zabiba und der König“. „Kommt doch zur Probe“, sagte er damals lässig. Einen Tag später schien niemand mehr überhaupt etwas von dem Musical zu wissen. „Ein Missverständnis“, winkte Sinan ab, offenbar hatte er sich mit seiner Offenherzigkeit in Gefahr gebracht.

Roberto Ciullis Reise in den Irak, die erste Tournee eines westlichen Theaters in den Schurkenstaat Saddams, war damals so mutig wie umstritten. Und doch wären ohne dieses Gastspiel die Kontakte zu den irakischen Theaterleuten nicht entstanden. Ihre neuen Stücke haben nichts mit dem Propagandatheater von damals zu tun. „Fantasie eines Reisenden“ ist eine Adaption von Tschechows „Krankenzimmer 6“, Regie führt Aziz Khayon. Kurz vor dem Krieg war der 55-Jährige für drei Monate Interimsintendant des Nationaltheaters Bagdad. Noch von Saddam wurde er abgesetzt. Sein Nachfolger plünderte die Technik und setzte sich nach Syrien ab. Heute gibt es in Bagdad kein Nationaltheater mehr.

Die Geschichte spielt in der Psychiatrie, im Theater und Staatsgebilde zugleich: ein klaustrophobischer, clownesker Mikrokosmos, in dem alles erlaubt ist. Die Patienten spielen Macht, gegenseitig stachelt man seine persönlichen Traumata an. Ein General wird von seinen Opfern bedroht, die Patienten sind willfährige Todesstatisten. Doch in Wirklichkeit sind sie zwei herrischen Pflegern in futuristischen Rollstühlen mit grellen Suchscheinwerfern ausgeliefert. Autistisch mit sich selbst beschäftigt, bemerken sie zunächst nicht den Arzt, der ihnen helfen will. Nach und nach gewinnt er ihr Vertrauen – dennoch bringen sie ihn um. So eindringlich auch gespielt wird: Teilweise wirkt das noch wie jener altbackene Realismus, der oft auf arabischen Bühnen zu sehen ist.

Daher verblüfft der andere Abend umso mehr. „Entschuldigung, werte Herren“, inszeniert vom 46-jährigen Abdel Razaq, ist eine tiefschwarze Komödie, die das Bagdad von heute spiegelt. Wer nichts hat, muss das Allerletzte verkaufen, unter anderem seinen Tee. An einer Grenze trifft sich ein merkwürdiges Völkchen zum Handel, letzte Verdienstchance im täglich grotesker werdenden Überlebenskampf. Sinan spielt einen eitlen Ex-Schauspieler, der mit Zelt, Thermoskanne und Handy kommt und auf die Warenwelt des Westens schwört. Um den Teemarkt in seine Hand zu bringen, bindet er sich sogar Bombengürtel um – unvorstellbar, dass man selbst Selbstmordattentätern humoristische Seiten abgewinnen kann!

Lastwagen rasen vorbei, Inbegriff von Hoffnung und Freiheit, aber sie halten nie. Die Grenze wird zum provisorischen Flüchtlingslager, ein Warteraum, in dem jeder jeden austrickst, zum Beispiel mit leeren Kartons von amerikanischen Küchengeräten, und wie nebenbei bringt man sich vor explodierenden Autobomben in Deckung. Manchmal überschlagen sich die Akteure vor Spielfreude, aber pathetisch wird es nie. Als endlich der ersehnte LKW mit Hilfslieferungen hält, sind westliche Teebeutel und Plastikbecher darin – das hat man in Bagdad wohl am wenigsten gebraucht. Es ist eine Abrechnung mit der eigenen Unfähigkeit, sich aus dem Chaos zu befreien, aber auch mit leeren Heilsversprechen aus dem Westen. Zum Schluss sammeln die Grenzbewohner die Perlen einer zerrissenen Gebetskette wieder ein und schieben die Pappkartons weg: Im Irak will man sich auf die eigene Kraft besinnen.

Das strahlt einen Nationalstolz aus, der auch befremdet. Mit blumigen Worten sprechen die Schauspieler bei einer Podiumsdiskussion von ihrer Liebe zu einem Staat, der kaum 100 Jahre existiert und immer von Krieg und Gewalt geprägt war. Doch lieber erinnern sie an ihre babylonische Vergangenheit, das Gilgamesh-Epos oder den Dichter Abou Nowaz. „Selbst die Dunkelheit im Irak umarmt dich“, sagt die 21-jährige Schauspielerin Farah Daruish schwärmerisch, „der Geruch vom Irak ist wie das Paradies. Wir sind nicht hergekommen, um uns helfen zu lassen, wir wollen zeigen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen. Das Schlimmste wäre, wenn wir uns an den Tod gewöhnten.“

„Wir haben keinen Probenraum. Manchmal proben wir in unseren Wohnungen, manchmal in der Theaterakademie, manchmal über Telefon“, erzählen sie. „Durch Theater schafft man Leben. Aber wie schafft man Leben, wenn man von Tod umgeben ist?“ Die Proben finden ohne Klimaanlage und Licht statt, kurz vor einer Vorstellung ging eine Autobombe hoch, man musste bei zerbrochenen Fenstern spielen. Vorstellungen sind nur tagsüber möglich, weil es nach halb fünf am Nachmittag auf Iraks Straßen zu gefährlich ist. Nach der Vorstellung lotsen die Regisseure ihre Schauspieler durch die Stadt, um sie heil nach Hause zu bringen. Auch die Zuschauer gehen ein hohes Risiko ein.

Dass ihr Land im Chaos versunken ist, dafür machen die irakischen Theaterleute die Amerikaner verantwortlich. „Wir hätten sie mit Blumen empfangen, aber sie haben alles verdorben. Jetzt wurde der alte Diktator durch neue ersetzt.“

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