Kultur : Gerührt und geschüttelt

Nun auch in Stereo: Produzenten-Legende George Martin bringt mit „Love“ noch einmal ein Beatles-Album heraus

Kai Müller

Aaaahhh-aahh. Es beginnt mit einem Schmerzensschrei. Neunstimmig und in cis-moll. „Because the world is round it turns me on“, verkünden die Stimmen Paul McCartneys, John Lennons und George Harrisons. Wie ein gregorianischer Chor klingt das Trio, lange Pausen zwischen den Zeilen unterstützen die Kälte ihres Klagegesangs, der auch vom Heroin erzählt, das Lennon gerne aus seinen Adern gewaschen hätte im September 1969, als er „Because“ schrieb (und kurz darauf „Cold Turkey“ hinterherschob). „Aaaahhh-aahh ... Love is all, love is new.“ Ein Seufzer, ein Versprechen. Er klingt lange nach. Denn dieser Tage erscheint mit „Love“ dem Namen nach ein weiteres posthumes Beatles- Werk, das wirklich eine ganze Menge Liebe braucht, um nicht als hybrider Produzenten-Schrott in die Musikgeschichte einzugehen.

Die Ursprünge dieses Albums liegen in der Wüste Nevadas. Weil der Gründer des Cirque du Soleil mit George Harrison befreundet war und für Las Vegas eine Beatles-Show plante, wurde Produzent George Martin von den Beatles und deren Erben höchstselbst gebeten, die Musik für das Gaukler- und Artisten Spektakel im Hotel „Mirage“ zu erstellen. Er durfte auf das für gewöhnlich in den Panzerschränken der Abbey-Road-Studios verwahrte Originalmaterial der Band zurückgreifen, das diese zwischen 1963 und 1969 unter seiner Ägide eingespielt hatte. Niemand wäre befugter gewesen für diese Aufgabe, als er, der mit seinen 81 Jahren allerdings kaum noch was hört. Dem Gralshüter hat dessen Sohn Giles zur Seite gestanden. Und so schwingen nun Trapezkünstler und stapfen Clowns in den Kostümen fingierter Beatles-Figuren durch die Manege des „Mirage“, sogar ein psychedelisch verzierter VW-Käfer („Beetle“) gehört zum Inventar, während im Off ein opulenter Soundtrack den Geist der größten Popband aller Zeiten heraufbeschwört. Aber man muss das vergessen, wenn man die jetzt vorliegende Plattenversion des Patchworks hört. „Love“ setzt einen halluzinatorischen Trip fort, den die Beatles mit ihrem „Sgt. Pepper’s“-Album selbst begonnen haben.

George Martins 78-minütiges Remix- Potpourri klaubt aus den Originalaufnahmen zwei Duzend Songs aus dem Spätwerk der Fab Four zusammen und verschneidet sie beherzt mit Versatzstücken aus deren unerschöpflichen Klangfundus. Da wird dem seligen „Yesterday“ das Gitarren-Intro von „Blackbird“ vorangestellt; „Get Back“ setzt mit dem Anfangsakkord von „A Hard Day‘s Night“ ein, die Orchesterpassage von „A Day In The Life“ blitzt auf, bevor später der Song selbst folgt; „Strawberry Fields Forever“ löst sich in einem Strudel von Querverweisen sowie eingeschleusten Bläser- und Streicherzitaten auf; und immer wieder reihen Martin & Sohn einzelne Songs als Medley hintereinander. Kenner des Gesamtwerks werden unzählige solcher Stellen finden, in denen die angestammte Ordnung aus den Fugen gerät.

Es gibt Platten, die sind für Puristen ein Ärgernis. Nicht, weil sie höchst eigenwillig mit dem Begriff der Originalität umgehen, sondern weil sie einem erst deutlich machen, was ein Purist ist und dass man selbst schon dazugehört. „Love“ ist so ein Fall. Denn obwohl das Produzenten-Paar gar nichts verkehrt macht, fragt man sich ob des akustischen Budenzaubers unweigerlich: War das nötig? Gewiss, auch McCartney ließ bereits Ende der Sechziger eine Leidenschaft für Tonbandexperimente erkennen, die in dieselbe Richtung wiesen. Und machte nicht auch Lennons umstürzendes „Revolution Nr. 9“ einen ersten Schritt zu jenem Cut-Up-Verfahren, das die Martins jetzt nur perfektioniert haben? Damals, 1968, war die aggressive O-Ton-Collage, mit der Lennon die Musique concrète eines John Cage ins Populäre wendete, mehr als ein modernistisches Statement. Sie sollte die Wahrnehmung dessen, was als Wirklichkeit galt, verändern. Und für viele Menschen tat sie das auch. Als aber vor ein paar Jahren der Underground-DJ Danger Mouse das „Weiße Album“ mit dem „Black Album“ des Rappers Jay-Z verschmolz, reagierte man bei Apple pikiert. Eine Sache für den Justitiar.

Vielleicht gibt einem angesichts des imaginären „Love“-Konzerts auch nur zu denken, dass die Beatles sich 1966 vor allem deshalb desillusioniert von den Weltbühnen zurückzogen, weil sie die Songs ihrer psychedelischen Phase dem popbesessenen Teenager-Publikum nicht mehr zutrauen konnten. „Love“ vermittelt einen Eindruck, wie es hätte weitergehen können. Wobei die Zwischenspiele und Übergänge, das ganze Brimborium der geschlossenen Form, an die Art- Rock-Ambitionen von Pink Floyd, Genesis und ELO erinnern. Da nämlich hätte es geendet.

Andererseits handelt es sich immer noch um verteufelt gute Musik. Am Ende können all die nachträglichen Um- und Anbauten den Songs wenig anhaben. Die melodische Kraft von „Eleanor Rigby“, „Something“ oder „Lucy In The Sky With Diamonds“ ist unzerstörbar. Sie widersetzt sich sogar der innigen Umarmung jener, die sie lieben. Love is a bitter sweet.

The Beatles, „Love“ erscheint bei EMI.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben