Kultur : Gesang der Fische

Der Maler und das Meer: Max Beckmann im Bucerius-Kunstforum Hamburg

Bernhard Schulz

Max Beckmann, dieser Großstädter par excellence, hat nie an der Küste gelebt. Das Meer hat er gelegentlich von Urlaubsreisen und Tagesausflügen gesehen; und doch bedeutete es ihm ungemein viel. „Wenn ich der Kaiser der Erde wäre“, schrieb er 1915 an seine (erste) Frau Minna, „würde ich als mein höchstes Recht mir ausbitten, einen Monat im Jahr allein zu sein am Strand“.

So lange war er nie am Meer und allein schon gar nicht. Wenn er verreiste, dann nach Scheveningen oder am liebsten an die Côte d’Azur. Aber in seiner künstlerischen Imagination nahm das Meer einen hervorragenden Platz ein – zumal, als er, im Amsterdamer Exil unter deutscher Besatzung quasi gefangen, es nicht besuchen konnte. So berührt es einen bedeutenden Aspekt seines Œuvres, wenn das Bucerius Kunst Forum in Hamburg eine Auswahl der Meeresbilder Beckmanns vorstellt. Das von der „Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ getragene Kunstforum am Rathausmarkt besteht seit einem Jahr, verzeichnet bislang 170000 Besucher und hat seinen Platz im Hamburger Museumsangebot offenkundig gefunden.

Natürlich handelt es sich bei Beckmann nicht bloß um Ansichten vom Meer. Solche gibt es, aber es sind dies die kleinen, eher beiläufigen Arbeiten, die die wuchtigen figurativen Kompositionen begleiten. Doch Klaus Gallwitz und Ortrud Westheider, die Kuratoren der Ausstellung, beide durch frühere Beckmann-Vorhaben ausgewiesen, beschränken ihre Auswahl nicht auf diese durchweg hinreißenden Ansichten, sondern greifen auch nach den großen, als Allegorien zu lesenden Figurenbildern, in denen das Meer eine Rolle spielt. Und sei es nur in Form der Schalentiere, die die weiblichen Gäste des Pariser Restaurants „Prunier“ auf dem gleichnamigen Bild von 1944 verspeisen.

Beckmanns Berührung mit dem Meer überspannt seine gesamte künstlerische Laufbahn. 1903 fährt er als blutjunger Kunstschul-Absolvent erstmals an die holländische Küste und malt gleich eine ganze Reihe von Meeresbildern, 1950 ist er ein knappes halbes Jahr vor seinem Tod in San Francisco – und begeistert: „Ich trenne mich schwer vom Pazifik, der allmählich alle seine großartigen Reize hier entfesselt hat“, schreibt er an seine (zweite) Frau Mathilde, Quappi genannt. Zurück in New York, der letzten Exil-Station, malt er bis in den September an dem Gemälde, das Stadt und Meer vereint.

Das grandiose Stadt- und Meerbild „San Franzisco“ bildet den Abschluss der 36 Gemälde und 20 grafische Arbeiten umfassenden Hamburger Ausstellung. Das scheint nicht viel, und dem mit Beckmanns Werk Vertrauten wird das ein oder andere Gemälde einfallen, das hierher gepasst hätte. Doch unmittelbar nach der gewaltigen Retrospektive in Paris, New York und London ist es eine Leistung, überhaupt eine Beckmann-Ausstellung zu veranstalten – und außerdem überzeugt die Auswahl durch ihre innere Stimmigkeit. Den Auftakt macht die „Große Buhne“, 1905 an der Nordwestküste Dänemarks entstanden. Dazwischen liegen die Meeresbilder aus Italien, Holland und Frankreich und schließlich den USA, den Ländern, deren Küsten Beckmann bereiste. Allerdings verteilen sich die Bilder quantitativ nicht gleichmäßig über das knappe Halbjahrhundert seiner Tätigkeit. Zwischen 1915, der Rückkehr aus dem als psychische Katastrophe erfahrenen Ersten Weltkrieg, und 1924 hat Beckmann das Meer nicht gesehen. Doch auch im Amsterdamer Exil konnte Beckmann in der Zeit der Okkupation nicht an die nahe Küste, die als militärisches Sperrgebiet ausgewiesen war – und just in jenen Jahren entstand ein Gutteil der schönsten, der lebensvollsten Meeresbilder. Es sind keine Augenblickseindrücke, sondern Reflexionen; Gedankenbilder, die mit dem Maler selbst und, wie stets bei ihm, mit der condition humaine zu tun haben.

Es hat seinen Grund, dass die Kuratoren ihre Ausstellung „Menschen am Meer“ genannt haben. Denn auch dort, wo keine Personen dargestellt sind – und das ist bei einer Vielzahl der gezeigten Gemälde der Fall –, ist der Mensch gegenwärtig. Für Beckmann nahm das Meer immer mehr die Bedeutung eines Sinnbilds an, eines Sinnbilds des Lebens und der Überfahrt, den der Lebensweg beschreibt. „Das Ende naht, die Verwandlung kommt näher, was tue ich noch hier ganz nah am Meer?“, schrieb er 1942 in Amsterdam ins Tagebuch. So wurde das Meer immer stärker zum Sinnbild der Freiheit, der unmittelbar physischen Befreiung von den Beschwernissen der Besatzungszeit wie der geistigen Befreiung von den Fesseln des irdischen Daseins.

Dafür spricht, dass der größte Teil der gezeigten Werke aus den Jahren der Verfemung unter dem NS-Regime stammt, als Beckmann zunächst im etwas unübersichtlicheren Berlin Unterschlupf suchte und dann ab 1938 in Amsterdam sein erstes Exil fand. 1939 konnte er ein letztes Mal die Côte d’Azur besuchen, die ihm als gesellschaftliches Pendant zum stets ersehnten Pariser Leben zunehmend wichtig geworden war. Was später entstand, ist aus der Erinnerung entstanden, an diesen wie an frühere Aufenthalte, an die unbeschwerten Tage, die des Aufenthalts im gern aufgesuchten Luxus mondäner Hotels und ihrer Privatstrände.

Doch auch Beckmann half der Erinnerung nach, und es gewährt einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers, dass in der Ausstellung und im Katalog die Postkarten und Prospekte ausgebreitet werden, die ihm als Vorlage dienten. Denn überraschend genau gibt Beckmann die Topographie wieder, ob bei der Ansicht „Monaco“ von der hoch ans Gebirge geschmiegten Straße aus oder bei der „Meerlandschaft mit Agaven und altem Schloss“auf der Insel Saint Honorat, zwei Gemälden, die noch im Jahr dieser letzten Mittelmeerreise vor Kriegsausbruch entstanden.

Das überraschendste, geradezu witzige Bild allerdings zeigt eine Situation nicht am, sondern auf dem Meer: der „Blick aus der Schiffsluke“ von 1934, ein Kleinformat von Papierblattgröße: Da geht die Horizontlinie, akzentuiert noch durch den Rauch eines fern vorbeiziehenden Dampfers, schräg nach oben durch das Rund der Luke. Nicht der Maler steht schief, sondern das Meer, nicht die Natur bestimmt den Standpunkt der Betrachtung, sondern das eigene Ich. In aller Lakonie ist dieses wunderbare Bildchen nicht weniger als ein Selbstportrait Max Beckmanns.

Hamburg, Rathausmarkt 2, bis 1. Februar 2004 . Katalog bei Hatje Cantz, kt. 24,80€.

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