Kultur : Gesang der Kniekehlen

100 Jahre Wahnsinn, Doping, grandioses Straßentheater: zum Mythos der Tour de France

Wilfried F. Schoeller

Die Tour de France, die Jubiläumsausgabe, rollt, aber noch probt sie ihre Anfänge. Eine Woche lang dürfen sich die Sprinter austoben, die Kamikazetypen für die letzten dreihundert Meter mit dem explosiven Antritt und der enormen Sturzerfahrung. Australische Exoten standen in diesen ersten Tagen auf dem blondinenbewehrten Siegerpodest. Das Mannschaftszeitfahren, fast spielerisch beherrscht vom US-Postal-Team, ließ bereits wieder die Ahnung aufkommen, wie die Szene sich verändert, wenn der amerikanische Dominator und Tour-King Lance Amstrong aus den Kulissen tritt. Das wird am Wochenende passieren.

Jedes Jahr im Juli ereignet sich auf der Naturbühne der Boulevards, der Landstraßen und Pässe von Frankreich öffentliches Theater für die Massen. Drei Wochen lang rollt die Tour de France, der größte sportliche Wanderzirkus der Welt, durch die Gegend. Der masochistische Wille, der wahnwitzige Zufall, das unfassbare Glück, das schicksalhafte Pech regieren das Geschehen. Die Strecke verläuft auf mythologischem Untergrund, wie Roland Barthes in seinen „Mythen des Alltags“ beschreibt: „Die Tour verfügt über eine echt Homerische Geographie. Wie in der Odyssee ist das Rennen zugleich eine Rundreise mit Prüfungen und eine vollständige Erforschung der irdischen Grenzen.“

Die Anfänge waren auch schon sehr surreal. Sechzig zu allem entschlossene Abenteurer fanden sich am 1. Juli 1903, vor hundert Jahren, bei der Herberge „Reveille Matin“, Morgenwecker, bei Paris ein, um die Prüfung zu wagen. Der Start war in der Nacht um halb drei Uhr, weil man 18 Stunden Kurbelei vor sich hatte. Nicht mehr als 21 Fahrer erreichten bei dieser ersten Tour das Ziel in Paris. Bei der zweiten Ausgabe fiel ein Fahrer schlafend vom Rad: Man hatte ihn mit einer vergifteten Hühnerkeule traktiert. Reifen platzten wie die Kracher beim Feuerwerk wegen der Schusternägel, die Unbekannte auf die Straßen gestreut hatten. Seit Beginn fuhr auf der großen Schleife der Skandal mit. Das hat der Veranstaltung mehr genützt als geschadet.

Der Held der Pionierjahre war der Belgier Philippe Thijs, der drei Mal gewann. Aber die Heroengeschichten schrieben andere: Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain, die jeweils fünf Mal gewannen.

Seit 1911 wird auch über die Pyrenäen gefahren – eine magische Geografie. Den Funktionären schrie Octave Lapize, der erste Bergkönig, deswegen seine blanke Wut entgegen: „Mörder! Ihr verdammten Mörder!“ Und schon von Anbeginn gab es Doping. Die Fahrer füllten sich mit Sherry oder Cognac an, um neue Kräfte zu sammeln, ganz zu schweigen von Aufputschmitteln wie Strychnin, Arsen und Kokain.

Es sind militärische Metaphern, in denen die Tour anschaulich wird – im Aufmarschgebiet von Sieg und Niederlage, Gegner, Attacke und Verlust. Irgendwie spukt in den martialischen Wörtern noch der Landsknechtsjargon herum, als die Straßen unsicher und die Ausfahrt voller Wegelagerer und unwägbarer Abenteuer war.

Die Dominatoren der Tour werden höchstens bewundert, die Verlierer hingegen geliebt. Inbild aller Pechvögel ist Raymond Poulidor. Er war der ewige Zweite. Er zog das Unglück auf sich wie der Magnet die Eisenspäne. Er war Sisyphos, der unaufhörlich den Stein auf den Berg rollt, wo er ihm wieder entgleitet.

Die Deutschen haben einen langen Anlauf gebraucht, bis einer von ihnen eine Etappe gewinnen konnte. Erst einem Joseph Müller gelang das 1923. Neun Jahre später wurde Kurt Stöpel Zweiter in der Endabrechnung. Fünfzehn Tage lang glänzte Didi Thurau als blonder Engel auf der Tour, dann stürzte er ab. Rudi Altig, Hennes Junkermann und Rolf Wolfshohl hätten vielleicht gewinnen können, aber sie hatten keine guten Mannschaften. Erst Jan Ullrich gelang 1997 der Sieg. Er war damals in bestechender Form. Er, der viermal Vizekönig geworden ist, wird auch dieses Jahr gegen Lance Armstrong nicht bestehen können. Der Amerikaner konzentriert sich seit 1999 ganz auf den „Wettbewerb in sinnlosem Leiden“, wie er ironisch die Tour nennt. Er ist dem alten Traum vom Menschen als vollkommener Maschine, den im 18. Jahrhundert der Philosoph Offray de La Mettrie formuliert hat, am nächsten. Er könnte dieses Jahr mit den Größten gleichziehen. Dennoch bringen ihm die Franzosen nur die Zärtlichkeit entgegen, die man für den Zahnarzt hegt.

Es bleibt die Schlussfrage: Was geht auf dem härtesten Radrennen der Welt überhaupt vor? Die Tour ist letztlich nichts anderes als der auf die Straße verlegte Daseinskampf, mit Anführern und den Mannschaften, ihren Stämmen, ein Ritual aus der Steinzeit. Der Sieger ist auch unser Stellvertreter: ein moderner Odysseus, während wir dem Sirenengesang unserer Bierruhe nachgeben. Denn wir selbst sind die wahren mythologischen Helden, wenn wir uns als Zuschauer an der Tour beteiligen: Überbleibende der Vorzeit, Helden des klassischen Epos, Vagabunden der Landstraße, Troubadoure der Geschwindigkeit und Maschinenmenschen in einem, während wir doch in Wirklichkeit nichts anderes sind als – Pantoffeltiere im Fernsehsessel, umweht vom Fahrtwind der Illusionen.

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