Kultur : Gesang in Übergröße

KLASSIK

Sybill Mahlke

Extra large: Was in der Modebranche eine bequeme oder leicht schlotternde Größe ist, wartet als Konzertidee mit einer maßgeschneiderten musikalischen Passform auf. Denn der Titel „XL – Vielstimmige Chöre“ schließt ein, dass XL, als römische Ziffer gelesen, 40 bedeutet. Wenn sich also der Rund funkchor Berlin dieses Motto für ein A-cappella-Programm aussucht, ist die Eröffnung mit der 40-stimmigen Motette „Spem in alium“ von Thomas Tallis, dem Kontrapunktiker aus dem 16. Jahrhundert, ein Muss. Umso mehr, als sich an jenes berühmte Stück ein Auftragswerk des Rundfunkchores inhaltlich anschließt, das von einem jungen Landsmann des englischen Altmeisters stammt: „XL“ für 40 Stimmen von Antony Pitts, das auch noch den 40. Psalm vertont. Chefdirigent Simon Halsey stellt also in beiden Fällen seine Sänger und Sängerinnen in Einzelchören auf die hohen Ränge des Kam mermusiksaals , und die solistische Kunst der Choristen wird zur rauschenden Raummusik, zumal bei Pitts, der den Ausdruck um Geräusche und Glissandi erweitert. Die zweite Uraufführung ist eine 12-stimmige Ostermotette von Frank Michael Beyer, „Et resurrexit“, welche die Credo-Passage mit Evangelientexten verbindet. Zwischen Bericht und Kontemplation (siehe Bach!) zeigt sich, dass die Musik um den Auferstehungsgedanken in eine erregte Spannung fällt, die in der Kategorie des Hochkomplizierten Reibung und Einklang auslotet. Überhaupt stimmt der Ton des ganzen Konzerts, weil der Rundfunkchor auch ohne Orchester ein Super-Instrument ist.

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