Kultur : Geschäft des Glaubens

Rubens’ Heimkehr: Bayerns Staatsgemäldesammlung zeigt ihre Schätze in Schloss Neuburg

Mirko Weber

Heutzutage sind die meisten Kommunen und Länder froh, wenn sie ihre kulturellen Zentren einigermaßen halten können. Aber manchmal wird ein lange gehegter Plan in der Provinz doch noch Wirklichkeit. In Neuburg an der Donau ist dies geschehen. Dort, zwischen Ulm und Augsburg, hat die Bayerische Staatsgemäldesammlung ihre nunmehr zwölfte Dependance im Lande eröffnet.

Das lässt sich zu einem geringeren Teil mit der Fortsetzung einer glücklichen bayerischen Tradition erklären, die auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. Schon damals wurden Filialgalerien gegründet und mit Münchner Beständen aus der nahezu unerschöpflichen Sammlung beliefert. In Neuburg an der Donau aber liegen die Dinge ein wenig anders. Denn Neuburg hatte Anfang des 17. Jahrhunderts den vielleicht größten damaligen Künstler eine Zeit lang exklusiv: Peter Paul Rubens. Für den Wittelsbacher Herzog Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuenburg und dessen kleine Residenz malte der Meister sein – zumindest vom Format her – größtes Bild. Den Hochaltar der Hofkirche zierte das „Große Jüngste Gericht“. Der Pfalzgraf zahlte gut für die Lieferung, aber es handelte sich auch um einen Preis unter Glaubensbrüdern. Schließlich war Wolfgang zum Katholizismus konvertiert, was ihm das Wohlwollen von Erzherzog Albrecht in Brüssel sicherte, der wiederum mit Rubens bestens bekannt war.

Danach lieferte Rubens neben weiteren Seitenbildern und Entwürfen noch ein weiteres Bild, das heute von besonderer kunsthistorischer Bedeutung ist: den „Engelssturz“, ebenfalls ein „echter“ Rubens, keine Kollektivarbeit. Später kamen die Bilder in Besitz eines Enkels von Wolfgang und schmückten die Düsseldorfer Gemäldegalerie, ehe das „Jüngste Gericht“ als zentrales Werk für Klenzes Alte Pinakothek in München gebraucht wurde. Um das „Jüngste Gericht“ herum wollte Klenze seine „Kirche“ bauen – und er baute sie.  

Jetzt kehren zumindest die Seitenaltarbilder, wunderbare Stiche und einige Ergänzungsarbeiten nach Neuburg zurück. Doch Rubens ist beileibe nicht der einzige Großmeister flämischer Barockmalerei, der hier dauerhaft ausgestellt wird. Aus München kommen Bilder von van Dyck und  Jordaens, Landschaften der Brueghel-Familie, Stillleben von Franz Snyders, Seestücke von Andries Arvelt und Genreszenen von David Teniers und Gillis van Tilborch dazu. Die von Konrad Renger, dem nunmehr pensionierten Referenten für flämische Malerei an der Staatsgemäldesammlung getroffene Auswahl ist exklusiv; der Münchner Pinakothekenbesucher erkennt einiges wieder, was er demnächst in den Seitensälen des Museums in der Landeshauptstadt vermissen wird. Allein, in Neuburg sind die Bilder gut aufgehoben. Da die Gründung des Fürstentums sich gerade zum 500. Mal jährt, werden die Barockbilder von der diesjährigen Landesausstellung flankiert, die sich „Von Kaisers Gnaden! 500 Jahre Pfalz-Neuburg“ nennt und leider ein wenig kleinteilig geraten ist.  

Insgesamt konnte die Renaissance-Architektur des Neuburger Schlosses, das bereits seit dem Ende des 17. Jahrhunderts nicht mehr für repräsentative Zwecke genutzt wurde, äußerlich prächtig restauriert werden. Umso störender, dass im Inneren eine neuzeitlich verblendete  Architektur dominiert. Wahrscheinlich um die Spannung zu erhöhen, werden in den Galerieräumen die historischen Zusammenhänge immer wieder buchstäblich aufgebrochen. In den Lücken schimmert kühles, grünes Glas, das auch noch beleuchtet wird. Zu allem Überfluss regiert im ehemals großen Festsaal nunmehr ein Aufzug, wie er vom Design her selbst in mittelmäßigen Parkhäusern bereits obsolet geworden ist.

Den Eindruck, den das Neuburger Schloss und seine großartige Sammlung auf den Besucher machen, kann das nur unwesentlich schwächen. Doch der Schaden schmerzt: inmitten von so viel Schönheit.

Staatsgalerie im Schloss Neuburg an der Donau. – „Flämische Barockmalerei“, Katalog 24,90 Euro. – „Von Kaisers Gnaden! 500 Jahre Pfalz-Neuburg“, bis 16. Oktober. Katalog 28 Euro

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