Kultur : Geschenk von Stifter

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LESEZIMMER

Rainer Moritz weiß,

was die deutsche Seele braucht

Ich bin bestens präpariert. Irgendwann, vermutlich nach intensivem Matthias-Horx-Studium, habe ich begriffen, dass es unabdingbar ist, seiner Zeit voraus zu sein und zu wissen, was morgen Sache ist. Deshalb lese ich pausenlos Adalbert Stifter. Oder um genauer zu sein: Ich schließe gerade eine detaillierte Aneignung der Werke Eduard Mörikes ab, ehe ich mich, ab übernächster Woche vermutlich, in die dunkel-beschauliche Welt des Österreichers Stifter versenken werde. Von Mörike zu ihm, das ist ohnehin kein großer Schritt. Biedermeier bleibt Biedermeier.

Warum ich dies tue? Weil wir in diesem Herbst Mörikes und ein Jahr darauf Stifters 200. Geburtstag würdigen werden und es total angesagt ist, Jubiläen aus dem Reiche der Dichtkunst und Philosophie mit Glanz und Gloria zu begehen. Nehmen Sie Kant zum Beispiel, den alten Königsberger. Wer hätte es für möglich gehalten, dass der sittenstrenge Herr noch einmal derart galaktisch populär werden wird? Allem Kulturpessimismus zum Trotz gehört es zurzeit zu jedem ordentlichen Stehempfang, Kants Morallehre auf George W. Bushs dubiose Tagespolitik zu beziehen, und seitdem die Feuilletons seitenlange Auseinandersetzungen mit der Philosophie des Idealismus drucken, erobert Kant die Buchhandlungen. Nun gut, nicht die kleingedruckten und auch sonst schwer verständlichen Primär-„Kritiken“ in den froschgrünen Meiner-Ausgaben, doch ist es nicht erstaunlich, dass es den Kant-Biografen Geier und Kühn gelang, die „Spiegel“-Bestsellerliste zu erklimmen und Uschi Glas und Boris Becker unter Druck zu setzen? Damals, als ich mich im Philosophischen Seminar der Universität Tübingen über Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ beugte, war das nicht abzusehen.

Small-Talk mit Kant

Kant ist der legitime Adorno-Nachfolger. Nicht philosophiehistorisch gesehen natürlich, sondern hinsichtlich der öffentlichen Aufmerksamkeitsschübe. Wir hilf- und haltlosen Deutschen brauchen eine starke Schulter, um uns in ökonomisch harter Zeit anzulehnen. Keine Vorbilder, keine Helden mehr, Oliver Kahn wirft sich inzwischen, so die spanische Presse, wie eine schwangere Rentnerin nach dem Ball; Adenauer ist tot, Fritz Walter auch, Harald Schmidt weg vom Fenster, Max Schmeling sehr alt, und so klammern wir uns an jeden Strohhalm, den man uns Dürstenden reicht. Es ist ja auch zum Fürchten: In der Fußballnationalelf vertrauen wir auf Jungspunde, die Lahm und Hinkel heißen. Wenn Daniel Küblböck im Zustand der Frühdemenz einen Gurkentransporter rammt, ist das selbst seriösen Tageszeitungen eine Meldung auf Seite 1 wert, und zum Bundespräsidenten soll jetzt ein Mann namens Köhler gewählt, von dem meine Mutter sowie 98 Prozent aller übrigen Deutschen noch nie gehört haben.

Wo in der Gegenwart nur Armut und Eintagsfliegen walten, müssen wir uns auf die Vergangenheit besinnen und von dort Heil erhoffen. Deshalb Mörike. Mindestens drei Biografien erscheinen in diesen Tagen; sie erzählen von dessen spärlichen Abenteuern als Vikar in etwa siebenunddreißig württembergischen Landgemeinden und versuchen zu erklären, wie er dennoch so feine Gedichte wie „Verborgenheit oder „Denk es, o Seele!“ schreiben konnte.

Stichtag ist der 8. September, der runde Geburtstag, bitte vormerken. Danach wird die Hingabe sofort eingestellt, und Titel wie Ehrenfried Kluckerts sehr fade Mörike-Biografie fallen umgehend aus den Verkaufsrängen und der Remission anheim. Deshalb, wie gesagt, gehe ich schon jetzt zu Stifter über, nahtlos und bevor es die schreibenden Kulturverwalter auf ihren To-Do-Listen haben. Ich weiß viel über den beleibten Schulrat Stifter: dass er eine Sonnenfinsternis beobachtete, ungeheuren Appetit an den Tag legte, dicke Romane wie „Der Nachsommer“ und „Witiko“ schrieb, die von Anhängern der Popliteratur als handlungsarm bzw. scheißlangweilig abqualifiziert werden, lange vor Petra Kelly viel vom „Sanften Gesetz“ hielt und sich am Ende mit einem Rasiermesser den Hals durchschnitt – was seine eingeschworene Lesergemeinde bis heute für üble Hetze des linken Pressekartells hält.

Am 23. Oktober 2005 werden wir Stifters Zweihundertsten bejubeln. Küblböck und seine Freunde sind dann vergessen. Bereiten wir uns darauf vor, am besten schon heute mit einem Stifter-Wort aus dem Jahre 1848: „Was aber den allergrößten Schaden bringt, sind die unreifen Politiker, die in Träumen, Deklamationen und Fantasien herumirren und doch so drängen, dass nur das Ihrige geschehe.“

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