Geschenke : Sag’s mit einem Buch

Eine kleine Typologie des SCHENKENS von Philipp Lichterbeck.

Phillipp Lichterbeck

Ein Geschenk ist das wirksamste Mittel der nichtverbalen Kommunikation, weil man sich ihm schlichtweg nicht entziehen kann. Grob betrachtet lässt es sich in vier Unterkategorien einteilen: Bumerang-Geschenk, Tu-Was-Geschenk, Protz-Geschenk und So-Bin-Ich- Geschenk. Während sich mit dem Bumerang-Geschenk der Schenker selbst beschenkt (etwa eine CD überreicht, die er immer schon haben wollte), handelt es sich beim Tu-Was-Geschenk um die indirekte Aufforderung zum Handeln (hier könnte man die Ehefrau anführen, die ihrem Mann eine Anleitung zum Kamasutra unter den Weihnachtsbaum legt).

Beim Protz-Geschenk wiederum geht es darum, durch die finanzielle oder physische Überdimensionierung der Gabe einen Mordseindruck zu schinden. Besonders verbreitet scheint diese Spielart der Großzügigkeit unter den Mächtigen zu sein – als Beispiele lassen sich das diamantenbesetzte Schmuckset nennen, das Jordaniens König Abdullah II einst US-Außenministerin Rice übergab, oder der Elefantenbulle, den Sri Lankas Präsident Mahinda Rajapakse mit nach China brachte. Ein ebenso landestypisches Mitbringsel war auch der Roboterhund, den ein japanischer Regierungschef Wladimir Putin schenkte – er konnte angeblich auf Russisch bellen. Mit dem Blechkläffer lässt sich gut zum So-Bin-Ich-Geschenk überleiten, dessen Zweck die Selbstoffenbarung ist. Der Geber möchte zeigen, wer er wirklich ist, beispielsweise wenn er, wie früher häufig bei Jugendlichen zu beobachten, eine Kassette mit all seinen Herzensliedern aufnimmt.

Auch Barack Obama, auf der internationalen Bühne ja quasi noch ein Pubertist, tendiert zum So-Bin-Ich-Geschenk. Großbritanniens Premierminister Brown erhielt von ihm eine DVD-Box mit seinen 25 Lieblingsfilmen, die aber – so tückisch kann schenken sein – wegen des US-Ländercodes nicht auf europäischen DVD-Playern abspielbar waren. Für die Queen gab’s dann sicherheitshalber einen i-Pod mit zwanzig Broadway-Songs.

Nun jedoch wurde Obama selbst Opfer eines So-Bin-Ich-Geschenks. Venezuelas Präsident Hugo Chávez schlich sich während des Gipfeltreffens der amerikanischen Staatschefs in Trinidad und Tobago von hinten links an ihn heran und drückte Obama eins seiner Lieblingsbücher in die Hand. „Die offenen Adern Lateinamerikas“ ist die 1971 von Eduardo Galeano verfasste Chronik der Ausbeutung des Kontinents und gilt bis heute als Bibel der lateinamerikanischen Linken. Chávez also, der Obama auch gleich die Freundschaft antrug (während er George W. Bush immer nur „el imperialista“ nannte), möchte dem Kollegen sagen: Das regt mich auf, das treibt mich an, versteh mich.

Prompt schossen die Verkaufszahlen der „Offenen Adern“ in die Höhe. Bei Amazon wurde das Buch von Platz 60 280 unter die Top Ten katapultiert. Chávez, Freund bedeutungsschwerer Gesten, konnte es sich allerdings nicht verkneifen, Obama die spanische Originalversion zu überreichen. Wodurch das Ganze dann doch den pädagogischen Beigeschmack eines Tu-Was-Geschenks erhält. Spanisch lernen, Señor Obama.

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