Kultur : Geschenkideen zu Weihnachten: Eine Illusion ...

Thomas Eckert

Die Zeit ist ein relatives Ding. Das wissen wir spätestens seit Einstein. Aber wissen wir es wirklich? Ist diese Erkenntnis tatsächlich bis auf den tiefsten Grund unseres Unterbewussten hinab gesunken, um dort für alle Zeiten zu liegen und zu wirken - verborgen und doch aktiv? Oder ist es am Ende doch nicht eher so, dass wir uns täuschen lassen vom angeblichen Regelmaß der Zeit, die uns umgibt, von Fahrplänen, Terminen und all den regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen, die unser Leben bestimmen, genauer gesagt, von denen wir unser Leben bestimmen lassen, die uns Sicherheit geben? Wir sind Sklaven. Sklaven der Zeit und ihrer Messdiener, der Zeitmesser.

Um uns darüber so gut es eben geht hinweg zu täuschen, haben wir die Uhr erfunden, die mehr ist als ein bloßer Chronometer: Die Uhr als Schmuckstück und Designobjekt. Denn das ist das Einzige, was uns über unser Sklavendasein hinweg zu täuschen hilft. Das Schöne und Elegante, das Teure und Aufwändige lässt uns vergesssen - eine Illusion, von der wir uns blenden lassen, der wir uns mit Haut und Haaren übergeben. Aus diesem Grund haben gerade die edlen und teuren Stücke Konjunktur wie nie. Dabei geht es längst nicht mehr um das alte, schöne und so wunderbar einfältige Spiel "ich zeige, was ich habe, ich bin, was ich zeige - und wer nichts hat, der ist nichts" - das archaische Modell des Protzens, das so lange so perfekt funktionierte, hat ausgedient.

Wen interessiert heute noch eine Rolex, einmal das Symbol und das Erkennungszeichen einer ganzen Gesellschaftsschicht, wenn die Fälschung nicht mehr auf den ersten Blick vom Original zu unterscheiden ist - und die Fälschung womöglich sogar angesagter ist als das Original? Der Ernst, der dem alten Vorzeigemodell innewohnte, ist der Lust an Lug und Trug gewichen. Es geht um Spaß, nicht um Geld, um Design, nicht um Positionen oder Titel, um Schein, nicht um Zeit.

Deshalb konnte die Marke "swatch" so erfolgreich sein, wie sie es bis heute ist. Deshalb ist die Marke Rolex nicht mehr das, was sie einmal war: unangefochtenes Symbol einer selbstgewissen Elite, die sich selbst zur Elite ausgerufen hatte. Vergessen wir also die Zeit - denn die Zeit ist auch nur ein Designobjekt. Das ist nur konsequent angesichts der Relativität aller Zeit, ihrer relativen Überflüssigkeit.

Wir haben viel zu viel Zeit: Wer ist denn wirklich noch angewiesen auf einen ganz persönlichen Zeitmesser, wer muss wirklich immer und sofort wissen, was die Stunde geschlagen hat? Wir sind umgeben, ja umzingelt von Uhren. Die Zeit ist überall - und nirgends: auf Kirchtürmen, an Straßenkreuzungen, in U-Bahnen und auf Bahnhöfen, in Computern, in Autos und an Küchenherden. Allgegenwärtige Zeit, die die Uhr, die wir am Handgelenk spazieren tragen, überflüssig macht wie einen Kropf - wir bräuchten sie nicht einmal mehr, um zu wissen, wie spät es ist. Wir brauchen sie nicht, um das tun zu können, was wir vorgeben, tun zu müssen.

Die Uhr ist zum Spielzeug geworden, ob wir es wollen oder nicht. Wir können ihr den Sinn geben, den wir ihr geben wollen. Weil sie überfüssig geworden ist. Die Uhr hat sich von der Zeit befreit, deren Sklave sie auf ewig zu sein schien, ohne die sie undenkbar schien. Die Uhr, die wir am Handgelenk, um den Hals oder in der Tasche tragen, hat uns all das voraus, von dem wir behaupten, es zu wollen: Sie hat sich emanzipiert, frei gemacht, geöffnet für einen neuen Sinn, ein neues Leben. Die Uhr = reinster Luxus = Freiheit von der Notwendigkeit. Und gerade das macht sie uns unentbehrlich. Denn sie erinnert in jeder Minute, jeder Sekunde daran, dass es etwas jenseits des unerbittlichen Zeittaktes gibt, dem wir so gern und so freiwillig folgen, dem wir uns unterwerfen wie Besiegte, die ihren Herrn demütig Geschenke bringen: ein freies Leben. Ein Leben, in dem wir selbst über unsere Zeit bestimmen. Die Uhr läuft - ob wir sie je einholen werden?

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