Kultur : Geschichte als Detektivarbeit

 TAGESSPIEGEL: Herr Rother, im Konzept zu Ihrer Ausstellung schreiben Sie, die Bundesrepublik Deutschland sei ihrem Selbstverständnis nach lange ein Provisorium gewesen.Sie stellen ein Provisorium aus?

ROTHER: Zehn Jahre nach der deutschen Einheit ist es unmöglich, eine endgültige Bilanz ziehen.Wir werden also eine vorläufig Bestandsaufnahme präsentieren.

STÖLZL: Bei abgeschlossenen Kapiteln wie dem Kalten Krieg läßt sich dagegen schon ziemlich genau sagen, wie es war.Anders, wenn es um die jüngste Vergangenheit geht.

TAGESSPIEGEL: Wie bewerten Sie die deutsche Nachkriegsgeschichte?

STÖLZL: Die Grundbewertung, daß die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte ist, durchzieht die ganze Ausstellung.Auf dieser Grundlage baut alles auf.Innerhalb der deutschen Geschichte sind die letzten 50 Jahre,verglichen mit dem, was vorher war, doch eine ganz erstaunliche Ausnahme.Ein halbes Jahrhundert Frieden hatten wir Deutsche seit den Hussitenkriegen nicht mehr.Zum ersten Mal lebt ein deutscher demokratischer Staat im Einklang mit seinen Nachbarn.Demokratie als Erfolgsmodell, das ist wirklich etwas Neues.

TAGESSPIEGEL: Und wie steht es mit der DDR?

ROTHER: Wer wollte ernsthaft behaupten, ein Staat, der sich selbst aufgelöst hat, wäre erfolgreich gewesen? Hätten wir die Ausstellung vor zehn Jahren gemacht, hätten wir gesagt, da gibt es die Bundesrepublik auf der einen Seite und einen anderen deutschen Staat auf der anderen.Und über den anderen reden wir nicht.Zehn Jahre nach dem Mauerfall können wir auf einen Staat zurückblicken.Natürlich zeigen wir auch die Lebenswirklichkeit der Menschen im Osten.Es gibt eine gemeinsame Vergangenheit, aber zwei getrennte Geschichten.

TAGESSPIEGEL: Veranstalten Sie im Kern nicht doch eine Geburtstagsschau der Bundesrepublik? Der Untertitel lautet ja "Eine Ausstellung zum Jubiläum der Bundesrepublik Deutschland"? Werden Ihnen nun empörte Ost-Bürger das Haus einrennen?

STÖLZL: Das glaube ich nicht.Sie werden überrascht sein, wieviel DDR vorkommt.Vierzig Prozent der Räume sind entweder ganz der DDR oder zumindest dem deutsch-deutschen Verhältnis gewidmet.Einen Proporz aber, der alles abdeckt, gibt es nicht.Die DDR ist doch überhaupt nur zu verstehen durch die Existenz der Bundesrepublik.Und umgekehrt.Es gibt sehr viel Kongruentes.Deutschland war immer eine Kulturnation, osmotisch verbunden, trotz der Trennung.Nichts anderes erzählen wir.

ROTHER: Streit und Konfrontation sind ja auch ein verbindendes Element.

TAGESSPIEGEL: Müßte die Ausstellung nicht viel eher im Bonner "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" gezeigt werden?

ROTHER: Die Frage läßt sich kaum beantworten.Das "Haus der Geschichte" war ursprünglich auf die alte Bundesrepublik bezogen, hat dann aber natürlich auf die Einheit reagiert.Wir hier in Berlin haben den Vorteil, sie in den Mittelpunkt, in den Lichthof des Martin-Gropius-Baus zu stellen.

TAGESSPIEGEL: Sie veranstalten die Ausstellung zusammen mit dem "Haus der Geschichte" und der "Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland".Wie sieht die Zusammenarbeit mit diesen Bonner Institutionen aus?

STÖLZL: Als vor drei Jahren aus dem Parlament die Anregung zu dieser Ausstellung kam, landete das zuerst auf meinem Tisch.Es war aber von Anfang an klar, daß es eine Aufgabe für alle drei Häuser gemeinsam war.Und herausgekommen ist etwas völlig Neues - das wird diese Ausstellung zeigen.

TAGESSPIEGEL: Herr Rother, in Ihrem Konzeptpapier schreiben Sie, die Trennung Deutschlands sei jetzt glücklich beendet.Sehen wir nun eine Jubel-Schau?

ROTHER: Eines wollen wir ganz sicher nicht: die Bundesrepublik schlecht reden.Aber es wird auch nichts unter den Teppich gekehrt.Kritisches wird sehr prominent dokumentiert, Stichwort Wiederbewaffnung, Stundentenbewegung, Anti-AKW-Proteste.Ob es nach 1989 sehr viel andere politische Optionen gegeben hätte, können und wollen wir nicht in jeder Einzelheit bewerten.Aber wir können zeigen, was nach der Vereinigung geschehen ist.Das sind dramatische Verbesserungen - und zugleich erschreckende Veränderungen.Wir werden sehr deutlich sagen, daß es eine so gewalttätige Ausländerfeindlichkeit wie nach 1989 weder in Ost noch in West zuvor gegeben hat.

STÖLZL: Wir wollen so viel wie möglich zeigen.Aber manchmal müssen auch wir aufgeben.Wir hätten gern den Silberpfeil von Mercedes aus dem Jahr 1955 als Symbol der wiedererstarkten Technologie-Nation gezeigt, ein wunderbares Leitfossil, wie Herrmann Glaser solche Objekte genannt hat.Aber der Wagen paßt nicht durch die Tür!

TAGESSPIEGEL: Und was werden wir stattdessen sehen?

ROTHER: Sieben Künstler haben die Räume innovativ, zum Teil expressiv gestaltet.Im Zentrum steht das, was wir Baustelle Deutschland genannt haben: der Lichthof.Im Erdgeschoß werden wir die politische Geschichte der beiden deutschen Staaten bis 1989 erzählen, im Obergeschoß liegt der Schwerpunkt auf der Alltagsgeschichte.

TAGESSPIEGEL: Sie zeigen 5000 Objekte von 700 Leihgebern.Besteht da nicht die Gefahr der Beliebigkeit?

ROTHER: Um die amerikanische Revolution zu illustrieren, bräuchte man nur ein Objekt: die Unabhängigkeitserklärung.Die Geschichte der Bundesrepublik läßt sich nicht in einem Stück versinnbildlichen.Dazu ist sie noch zu jung.Jeder Besucher ist ja auch ein Experte für die jüngere deutsche Geschichte.Er wird dabei Objekte erwarten, die gerade für seine Geschichte wichtig waren - und starke, symbolkräftige Bilder finden, die alle Zeitgenossen teilen.

TAGESSPIEGEL: Woher stammen denn die Objekte Ihrer Begierde?

STÖLZL: Wir haben unsere Rechercheure quer durch die Republik geschickt.Wir wollten nicht auf altbekannte Objekte zurückgreifen.Beim Bundeskriminalamt haben wir den Kinderwagen entdeckt, den die RAF bei der Schleyer-Entführung benutzt hat - ein klassisches Leitfossil.

ROTHER: Schöne Stücke sind auch das erste handbemalte Schild der Grünen für ihre Bundesgeschäftsstelle und die Turnschuhe, die Joschka Fischer bei seiner Vereidigung zum hessischen Umweltminister getragen hat, Versicherungswert 5000 Mark.Außerdem haben wir die erste Fassung von Helmut Kohls Zehn-Punkte-Programm, von Frau Hannelore in die Maschine getippt.

TAGESSPIEGEL: Macht nicht die zeitliche Nähe zu den jüngsten Ereignissen eine kritische Würdigung unmöglich?

ROTHER: Man kann trotzdem kritisch sein.Es wäre ja albern, das Denken einzustellen, bloß weil wir ein Jubiläum feiern.

TAGESSPIEGEL: Können Sie das kritische Element an einem Beispiel verdeutlichen?

ROTHER: Wir werden Fotos von Arbeitslosen und Abbildungen modernster, beinahe menschenleerer Fabriken gegenüberstellen.Wir zeigen Fotos von 140 neuen Gebäuden in den neuen Bundesländern, die schon die Frage provozieren, ob jedes Einkaufszentrum auf der grünen Wiese nötig ist.

TAGESSPIEGEL: Wagen Sie auch Ausblicke in die Zukunft?

STÖLZL: Nehmen Sie unsere Baustelle Deutschland.Hier geben wir keine Antworten, alles ist offen.Ganz und gar nicht offen ist dagegen eine andere Frage: die zentrale Rolle der Verfassung, deren Bedeutung wir deutlich machen wollen.Von der Verfassung geht alles aus, die Intentionen der Gründerväter und -mütter erlauben den direkten Vergleich mit dem, was heute ist.Man könnte sagen, daß die Sätze der Verfassung die heimliche Meßlatte der ganzen Ausstellung bilden.

TAGESSPIEGEL: Die Bundesrepublik ist ein offenes Buch, über die Einschätzung der DDR aber wird immer noch gestritten.

ROTHER: Wenn neben dem Plakat mit der ersten Regierung der DDR die Biographien derer aus diesem Kreis hängen, die sich zum Teil in Bautzen wiederfanden, zeigt dies auch, da sind Träume zerplatzt.

TAGESSPIEGEL: Werden Sie auch West-Träume zerplatzen lassen?

STÖLZL: Der Glaube an den Fortschritt um jeden Preis zum Beispiel.Wir haben zwei Kuh-Objekte anfertigen lassen.Einmal die noch natürliche Milchkuh der Fünfziger, und dann die Chemie-Kuh der Neunziger, die nichts weiter ist als eine Milchmaschine.Diese Ausstellung ist ein Experiment.Und ich bin sicher, sie wird überraschen.

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