Geschichte : Das Herzblut der Nation

Von 1849 zu 1989: Das Deutsche Historische Museum Berlin blättert die Geschichte der Verfassung auf.

Bernhard Schulz
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Die "freiwillige Compagnie" Reutlingen versammelte sich 1849 hinter diesem Tuch. -Foto: Heimatmuseum Reutlingen / Katalog

„Und zur Behauptung und Unterstützung dieser Erklärung verpfänden wir uns untereinander unser Leben, unser Vermögen und unser geheiligtes Ehrenwort.“ Mit diesem Satz schließt die Unabhängigkeitserklärung der „Vereinigten Staaten von America“ vom 4. Juli 1776 in ihrer deutschen Fassung, gedruckt zwei Tage später in Philadelphia. Das sorgfältig gestaltete Blatt gehört zu den Schätzen des Deutschen Historischen Museums Berlin (DHM). Es verfügt – anders, als zu Beginn seiner Existenz geunkt wurde – über eine derart reiche Fülle an Dokumenten und Objekten, dass zwei Drittel der Ausstellung zu „Verfassung und Verfassungswirklichkeit in Deutschland“ aus eigenem Bestand bestritten werden können.

Nun ist Verfassungsgeschichte kein unmittelbar zu sinnlicher Wahrnehmung drängender Gegenstand. Die deutsche Vergangenheit allerdings bietet mit ihren im Generationentakt wechselnden Verfassungen, jenen von 1849, 1918, 1949 und 1989, Stoff genug, um den Rahmen schriftlicher Abhandlungen zu sprengen. „Im Namen der Freiheit!“ lautet der Obertitel der Ausstellung, der die Freiheitsrechte begrifflich in den Mittelpunkt rückt. Dass es in modernen Verfassungen wie jener der Bundesrepublik von 1949 nicht nur um klassische Abwehrrechte (gegen Eingriffe des Staates), sondern auch um andere, insbesondere Teilhaberechte (etwa an Bildung oder, immer wieder gefordert, das „Recht auf Arbeit“) geht, muss sich der Besucher hinzudenken. Die „sociale Frage“, wie sie im wilhelminischen Kaiserreich genannt wurde, bleibt im DHM ausgespart. „Es gilt“, so Museums-Chef Hans Ottomeyer, „die Geschichte der Verfassungen in Deutschland als das zu begreifen, was sie neben anderem auch und im Besonderen ist: die Geschichte deutscher Freiheits- und Einheitsbestrebungen.“

Das ist eine Formulierung, über die man lange streiten kann, reißt sie doch quasi im Vorübergehen das ganze Elend der deutschen Verquickung von staatlicher Unabhängigkeit und individueller Freiheit auf – Ziele, die spätestens bei Bismarcks Reichsgründung unversöhnlich aufeinanderstießen. Aber als einen anderthalb Jahrhunderte währenden Freiheitskampf kann die Ausstellung Geschichte erzählen, kann Fahnen und Plakate stimmungsvoll ins Licht setzen und den Montagsdemonstrationen der End- DDR einen Raum gewähren, der dem der Entstehung der Paulskirchenverfassung von 1849 (unberechtigterweise) an Umfang gleichkommt. Denn das ist der Preis, der für die Konzentration auf die ansprechenden Dokumente des Augenblicks zu zahlen ist: dass es um den Kampf von Gut und Böse geht, ausgetragen in Wahlversammlungen und Demonstrationen und den berüchtigten Straßenschlachten der späten Weimarer Republik, die in der Ausstellung mit Schlagstöcken dargestellt werden. Sieht so Verfassungsgeschichte aus?

Tatsächlich ist die Verfassungswerdung ein langwieriger Prozess. Das zeigt schon der Rückgriff auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die der Paulskirchenversammlung um immerhin 72 Jahre vorausgeht. Und mit der von Preußen brachial abgeschüttelten 48er-Verfassung erlischt dieser Vorgang nicht, er setzt sich fort durch den innerpreußischen Verfassungskonflikt, in die Bildung des Kaiserreiches hinein und über dessen Ende weiter nach Weimar.

Das alles kann eine Ausstellung nicht darstellen, soll sie nicht an schierer Überfülle ersticken. „Im Namen der Freiheit!“ ist demgegenüber eine wohltuend übersichtliche Veranstaltung, mit fünf Kapiteln und einem Appendix, mit vielen packenden Objekten und wenig erklärendem Text. Geschichte wird hier auf ihre symbolischen Formen verdichtet. Eindrucksvoll gleich im ersten Kabinett zu 1848/49 mit der Gegenüberstellung einer schwarz-rot-goldenen Fahne, derjenigen der „Freiwilligen Compagnie“ Reutlingen mit der aufgestickten Losung „Freiheit oder Tod“, und der verblassten schwarz-weiß-roten Fahne, die Anfang 1871 vom Versailler Schloss wehte, wo gerade das Zweite Kaiserreich aus der Taufe gehoben wurde – ohne Demokratie. Die Paulskirchenversammlung liegt in Urschrift aus – ein karges Dokument, und doch so unendlich kostbar.

Für die unglückselige Weimarer Epoche von 1918 bis 1933 sind zahllose Plakate zur Hand, die „Aufbau“, „Freiheit“ und „Frauenwahlrecht“ fordern, später aber ebenso: „Wählt Hitler“. Das war 1932, als Hitler zur Reichspräsidentenwahl antrat – und die Demokraten sich nicht anders zu helfen wussten, als Hindenburg auf den Schild zu heben, der wenige Monate darauf eben jenen Hitler zum Reichskanzler ernannte. Die Weimarer Verfassung hatte ihren Anteil an der furchtbaren Entwicklung.

Dem bundesdeutschen Grundgesetz von 1949 ging wohl der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee voraus, mit 61 Männern und lediglich vier Frauen, nicht aber eine Volksbewegung wie 1848 oder 1918. Das Grundgesetz entstand nach Maßgabe der westlichen Alliierten, wie kurz darauf die Verfassung der DDR als Oktroi der stalinistischen Sowjetunion. Die große Leistung des Grundgesetzes, eine funktionierende, bei aller Schwerfälligkeit durchaus flexible Verfassung geworden zu sein, erschließt sich jedoch nicht aus dem Gang der Ausstellung. Und unter den Tisch fällt auch, dass es bis heute keine vollgültige, von einer Nationalversammlung legitimierte deutsche Verfassung gibt. Dieser Auftrag des (alten) Grundgesetzes wurde 1990 stillschweigend beerdigt.

Den Qualitätssprung, den das Grundgesetz gegenüber früheren Verfassungen darstellt, macht die Ausstellung nicht recht deutlich. Es ist dies der Grundrechtskatalog der Artikel 1 bis 19, der allen Regelungen des Staatswesens vorangeht, wie sie noch die Weimarer Reichsverfassung an den Anfang stellte.

Immerhin – das DHM greift das schwierige Thema der Verfassungsgeschichte auf. Auch wenn es dieser Ausstellung eher kaum gelingen wird, Funken zu entfachen für eine Sache, die zumindest einmal das Herzblut der Nation in Wallung gebracht hat, 1848/49. „Freiheit oder Tod“ ist nun einmal nicht die Losung, unter der wir Deutschen uns gemeinhin zu versammeln pflegen. Es sei denn in einer Sternstunde unserer Geschichte.

Deutsches Historisches Museum, (Pei- Bau), bis 11. Januar, täglich 10–18 Uhr. Katalogbuch, 344 S., 29 €.

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