Geschichte des Tanzes in Berlin : Die moderne Primaballerina

An diesem Samstag ist Welttanztag. Wir blick zurück nach vorn und sehen, wie der Tanz in Berlin auch heute noch von der Geschichte mitbestimmt wird.

Ralf Stabel
Isadora Duncan (1877-1927), Begründerin des modernen Tanzes, ca. 1904
Isadora Duncan (1877-1927), Begründerin des modernen Tanzes, ca. 1904Foto: imago/Leemage

Nahezu unbekannt ist Berlins Tanzgeschichte. Ein Blick zurück aber könnte helfen beim Verstehen gegenwärtiger Prozesse und Entscheidungen. Der Welttag des Tanzes an diesem Samstag gibt dafür einen willkommenen Anlass.

Das Internationale Theaterinstitut der Unesco hat den 29. April, den Geburtstag des Choreografen Jean Georges Noverre (1727-1810), zum Welttanztag ausgerufen. Noverre konnte sein kritisches Bewusstsein schon früh in Berlin schulen. Friedrich der Große wollte nach Eröffnung seines Opernhauses Unter den Linden auch eine eigene Ballett-Compagnie haben. Berlin war damals Provinz. Seine erste Ballerina, Barbara Campanini, genannt Barberina, musste er entführen lassen. Sie hat sich dann überreden lassen, zu bleiben – mit Geld. Ein frühes Berliner Handlungsmuster? Doch dieser Versuch scheitert, weil die Hochdotierte sich in Preußen nicht standesgemäß zu verhalten weiß und des Landes verwiesen wird.

Zu eben jener Zeit beobachtet der junge Noverre das Ballettunwesen mit seinen sinnfreien Kunststückchen kritisch und entwickelt Vorschläge, wie man aus zusammenhanglosem Herumgehopse eine eigenständige Theater-Gattung machen könnte. Eine Handlung müsste tanzend so dargestellt werden, dass das Publikum sie nachvollziehen kann und von ihr emotional berührt wird.

Seine „Briefe über die Tanzkunst und über die Ballette“ verraten, dass er zwischen Ballett und Tanzkunst offenbar einen Unterschied sieht. Diese Texte sind ein beeindruckendes Manifest für einen Ausdruckstanz als Gegenentwurf zum etablierten Ballett. Er benennt den Grundwiderspruch des damaligen Bühnentanzes, der auch heute für viele nicht gelöst scheint: Virtuosität oder Expressivität, Tradition oder Moderne, klassisch oder zeitgenössisch, können oder wollen?

im 19. Jahrhundert dümpelt Berlin tänzerisch vor sich hin

Paris, London, Moskau, St. Petersburg, Kopenhagen und Wien entwickeln sich im 19. Jahrhundert zu Ballett-Zentren. Die großen Werke des klassisch-romantischen Repertoires, von „Le Sylphide“ bis „Giselle“, von „Dornröschen“ bis zum „Nussknacker“, von „Le Corsaire“ bis „Don Quixote“ erleben ihre Uraufführung nicht in Berlin. Die Stadt dümpelt tänzerisch vor sich hin. Es wird mehr marschiert als getanzt. Gastspiele gibt es wohl, vor allem von Ballerinen; große Werke werden von anderswo übernommen. Etabliert sich hier ein weiteres Berliner Handlungsmuster? Dass die Berliner Ballettentwicklung nicht mit den europäischen Metropolen mithalten konnte, hängt auch mit der späten Reichseinigung zusammen. Denn während die genannten Städte auch kulturelle Zentren ihrer Nation sind, leistet sich hier jeder Landesfürst sein eigenes Theater. Heute allerdings gibt es kein anderes Territorium auf der Welt mit einer derartigen Dichte von Theatern mit Ensembles.

Berlin holt erst im 20. Jahrhundert auf, vor allem im Bereich des modernen Tanzes. Seine Begründerin Isadora Duncan (1877-1927) macht nicht nur gern in der Stadt Station, sondern eröffnet auch eine eigene Schule, um ihre Idee des freien Tanzes weiterzugeben. Verständlich, dass ihre Art, sich zu zeigen, den Vertretern des Balletts seltsam ungeformt erscheint. George Balanchine, Begründer des Neoklassischen Balletts, fasst es wohl am drastischsten zusammen: Er habe Isadora Duncan als dicke Frau gesehen, die sich auf der Bühne wälzte wie ein Schwein. Auch der Berliner Tanzkritiker der Vossischen Zeitung, Artur Michel – ein Verfechter des modernen Tanzes – schreibt 1927, dass sie Mut, Willen und Energie gehabt habe, die neu erwachte Lust am bewegten Körper in die Tat umzusetzen. Ihre Schwäche sei gewesen, dass ihre tänzerische Begabung für die Umsetzung nicht ausgereicht habe.

Auch die berühmten Ballets Russes kommen nach Berlin. Allerdings eher deshalb, weil sie auf ihren Reisen von Russland nach Westeuropa hier Station machen. Ein Geschenk machen die Russen den Berlinern 1910: die deutsche Erstaufführung des Balletts „Carnaval“ im Theater des Westens mit Vaclav Nijinsky in der Hauptrolle des Harlekin – noch vor der Pariser Premiere! Und es soll auch ein Besuch auf der Berliner Museumsinsel gewesen sein, der Vaclav Nijinsky zu seinem „L'Après-midi d'un faune“ inspiriert habe, in dem er sich 1912 als klassischer Startänzer erstmalig vollständig von diesem Bewegungsidiom abwandte und seine Sicht auf sexuelle Triebhaftigkeit mit modernen Tanz- und Alltagsbewegungen choreografierte.

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