Geschichte des Verrats : Die Welt als Bordell und Tribunal

Prometheus, Judas, Manning: Verräter wie wir? Die digitale Revolution macht den Geheimnisverrat zum Alltagsgeschäft, nicht nur für Wikileaks.

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„Hochverrat ist eine Frage des Datums“, wusste der Priester, Philosoph und Diplomat Charles-Maurice de Talleyrand schon vor 200 Jahren. Er diente als adliger Kleriker der kirchenstürmenden bürgerlichen Revolution und ebenso der Restauration, war Außenminister Napoleons und nach dessen Sturz auch von Ludwig XVIII. Über Wikileaks und die jetzt veröffentlichten Geheimberichte der US-Botschaften hätte er milde gelächelt, aber Wikileaks-Chef Julian Assange sicherheitshalber hinrichten lassen.

Zum gleichen Thema schrieb die Berliner Journalistin Margret Boveri in ihrem 1956 erschienenen Großwerk „Der Verrat im 20. Jahrhundert“: „Der Verrat ist in unserem Leben zum Alltagsbegriff geworden, so umfassend, als habe er sein eigenes geheimes und so undurchsichtig-mächtiges Reich auf einer Ebene errichtet, die sich nicht mit Völkern, Nationen, Verfassungen, Glaubensgemeinschaften deckt, aber doch alle zerstörend oder verwandelnd durchdringt ... Heute werden als Helden oder Märtyrer die gefeiert, die gestern als Verräter gehenkt wurden.“

Boveri hatte dabei etwa die Verschwörer des 20. Juli 1944 im Auge oder einen Richard Sorge, der den japanischen Angriff auf Pearl Harbor und den deutschen Überfall auf die Sowjetunion (ohne Erfolg) vorab verraten hatte und 1944 in Japan am Galgen endete. Heute erwarten den jungen amerikanischen Gefreiten Bradley Manning im schlimmsten Fall immerhin noch 52 Jahre Haft. Manning gilt als Informant, der Wikileaks unter anderem Dokumente über Gräueltaten von US-Soldaten im Irak zugespielt haben soll.

Die Geschichte des Verrats und der Verräter ist eine der ältesten, zwiespältigsten. Es gibt den Judas, es gibt millionenfach den Denunzianten, oft ist der Täter auch zugleich Opfer, wie man an zahlreichen Stasi-Akten sieht und es sich gerade schmerzlich am Fall des Dichters Oskar Pastior offenbart. Viel aber verdankt die Welt den mutigen Doppelspielern. Prometheus verriet den Menschen einst das göttliche Geheimnis des Feuers. Eine tiefe Kehle („Deep Throat“) und zwei couragierte Reporter der „Washington Post“ brachten Watergate ans Licht und stürzten einen amerikanischen Präsidenten. Was bei Nixon gelang, ist mit Bush dann nie passiert. Trotz aller Schweinereien, von denen jetzt im Kino auch „Fair Game“ erzählt – mit der Story des Ex-Diplomaten Joe Wilson, der die „New York Times“ über die manipulativen Regierungsinformationen zu Saddams angeblichen Massenvernichtungswaffen unterrichtet hat und dessen Frau aus Rache von der eigenen Administration als Geheimagentin enttarnt wurde.

Dieser Fall ist real und zugleich fantastischer als selbst John le Carrés soeben erschienener neuer Roman „Verräter wie wir“ („Our Kind of Traitor“), in dem ein russischer Mafiaboss zum englischen Geheimdienst überläuft. All diese Facetten zeigen freilich, dass Margret Boveris Diktum, der Verrat sei ein „dauernd sich wandelnder Schatten, der unserer Epoche zugehört“, mehr als hellsichtig war. Und die Sphäre des Geheimen schrumpft in der global digitalisierten Welt. Dramatisch.

Zwar wissen wir noch nicht, wie genau es im innersten Machtbereich des Irans aussieht oder was genau gerade China unternimmt, damit Nordkorea im jüngsten Konflikt nicht zur Atombombe greift oder der Diktator dort weiter verrückt spielt. Doch wäre es heute sehr viel schwerer, ein so brisantes Zusatzabkommen wie einst beim Hitler-Stalin-Pakt unter völligem Verschluss zu halten. Oder im Zeitalter der Satellitenüberwachung oberirdische Mordfabriken wie Auschwitz zu verbergen.

Längst hat die digitale Revolution nicht nur alle privaten und sozialen, sondern auch (fast) alle politischen und ökonomischen Sphären ergriffen. Wo es früher à la James Bond zeitraubender, lebensgefährlicher Aktionen mit Einbrüchen, Geheimkameras, Mikrofilmen und geschmuggelten Aktenkoffern bedurfte, braucht es heute nur Handys, Computer und einen Stick. Für jede Datei gibt es, abgesehen von Hackern, interne Mitwisser, und alle Daten fliegen um die Welt. Konten von Steuersündern landen so immer häufiger beim Finanzamt, Industriespionage geht neue Wege, und wo Menschen käuflich sind oder idealistisch, je nachdem, bleibt tendenziell nichts mehr geheim. Das Schlüsselloch ist größer als die Tür, so wird die Welt zum Bordell und zugleich zum Tribunal der neuen Sittenwächter. Der Verrat ist heute eben doch mehr als eine Frage des Datums.

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