Geschichte : Polnischer Eigensinn

Wer ist schuld am Zweiten Weltkrieg? Russische und deutsche Historiker finden darauf merkwürdige Antworten.

Sebastian Bickerich

Es war nur ein kleiner Hinweis auf der Internet-Seite des russischen Verteidigungsministeriums, der seit Donnerstag für Aufregung sorgt – nicht nur in Polen. Der Militärhistoriker Sergej Kowaljow hatte dort einen „wesentlichen Grund für den Kriegsausbruch“ ausgemacht: Polen habe im Frühjahr 1939 Hitlers „gemäßigte Wünsche“ nach einer „Rückgabe“ Danzigs und dem Bau einer exterritorialen Straße nach Ostpreußen abgelehnt. In seinem Beitrag wirft Oberst Kowaljow Polen „Eigensinnigkeit“ vor, hätten doch die Bewohner Danzigs „mehrheitlich eine Vereinigung mit der historischen Heimat“ gewünscht. Kowaljow führt das zu dem Schluss: „Wer die Geschichte des Zweiten Weltkriegs unvoreingenommen erforscht hat, weiß, dass er wegen Polens Weigerung begann, die deutschen Forderungen zu erfüllen.“ Zugleich rechtfertigt er den Hitler-Stalin-Pakt, der zur Aufteilung Polens führte.

Ist Polen also schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs? Auch wenn Kowaljows „Analyse“ – einer von mehreren Beiträgen, die das Ministerium über „Lügen und Fälschungen bei der Einschätzung der Rolle der UdSSR am Vorabend des Zweiten Weltkriegs“ veröffentlicht hat – mittlerweile aus dem Netz genommen wurde: Die Tendenz, die darin erkennbar wird, ist im Gedenkjahr 2009 fatal. Erst kürzlich hatte Russlands Präsident Dmitri Medwedew eine Kommission aus der Taufe gehoben, die „Geschichtsfälscher“ ächten soll; „Zweifel an Heldentaten der Sowjetarmee“ sollen zudem künftig mit Haft oder Geldbußen bestraft werden.

Die „Gazeta Wyborcza“ aus Warschau fragt bereits ironisch, ob nun auch „der Gedanke zulässig ist, Moskau, wie früher Hitler, könnte heute von Warschau und Vilnius eine exterritoriale Autobahn zwischen dem Kaliningrader Gebiet und ,Kern-Russland’ verlangen? Würde im russischen Verteidigungsministerium eine solche Forderung auch als ,begründet’ angesehen, und wäre eine Ablehnung der Rückgabe des Korridors ein guter Grund für einen weiteren Krieg?“

Der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller („Der Zweite Weltkrieg 1939-1945“) nennt Kowaljows Thesen „Unsinn“, habe doch Hitler bereits im Frühjahr 1939 intern davon gesprochen, dass es nicht um Danzig gehe, sondern um Lebensraum im Osten: „Polen hätte nur die Wahl gehabt, entweder ein deutsches oder ein sowjetisches Protektorat zu werden – es entschied sich für die Freiheit!“

Müller sieht in Kowaljows Äußerungen „eine geschichtspolitische Fanfare mit kalkulierten Nebenwirkungen“. Der Historiker sieht zudem die Gefahr, dass die geplante Kommission die Arbeit junger Historiker behindern könnte: „Bürokraten bestimmen die Aufarbeitung der Geschichte, nicht die Historiker“, warnt Müller – und berichtet von Problemen, die deutsche Forscher schon jetzt in Russland bei Recherchen hätten. „Wer kritische Ansätze unternimmt und etwa die Rolle der UdSSR zwischen 1939 und 1941 in Mittelosteuropa hinterfragt, dem darf auch künftig keine Gefahr drohen.“ Müller hofft, dass diese Sorgen bei der im Juli in Moskau tagenden deutsch-russischen Historikerkommission zum Thema gemacht werden – der Vorfall sei weit mehr als nur eine polnisch-russische Gedenkposse.

Kriegsschuld, das ist ein zentrales Element staatlicher Identitätsbildung im 20. Jahrhundert. Bis heute sind der gewonnene „Große Vaterländische Krieg“ für Russland, die Siege Frankreichs und Englands im Ersten Weltkrieg, aber auch die Niederlage Nazideutschlands und die Opferrolle Polens im Zweiten Weltkrieg zentral für staatliche Identitätskonstruktionen und die „Geschichtspolitik“ der betreffenden Länder. Versuche, daran zu rütteln, gibt es immer wieder – auch in Deutschland. So veröffentlichte der in der nationalkonservativen Presse gern zitierte Historiker Stefan Scheil im Kulturteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Juni 2006 unter dem harmlosen Titel „Mitteleuropäische Gedankenspiele nach Versailles“ einen ganzseitigen Text mit ähnlichem Gedankengut wie Kowaljow. Scheil schrieb, „die ,abgedroschenen Ideen’ des früheren (polnischen) Diktators Pilsudski, der vier Jahre zuvor verstorben war, liefen, wie in diplomatischen Kreisen allgemein bekannt war, auf eine polnische Militäroffensive gegen Deutschland hinaus“. Zudem hätten sich polnische Diplomaten im August 1939 unklug verhalten: „Edward Raczynski, den polnischen Vertreter in London, ließ die drohende Kriegsgefahr kalt“, schrieb Scheil.

Für Müller sind Scheils Publikationen revisionistisch. „Sie folgen einer verharmlosenden ,Hitler-hat-doch-nur’-Rhetorik.“ Ähnliches bezwecke auch der deutsch-polnische Historiker Bogdan Musial, der in seinem Buch „Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen“ Hitlers Präventivkriegsthese zumindest indirekt stütze. Gleichwohl handele es sich um Ausnahmen; Müller spricht von einer „merkwürdigen Allianz“ versprengter Revisionisten in Deutschland und offizieller Stellen in Moskau, die aber nicht lange andauern dürfte. Kommt doch 2011 ein weiteres Gedenkjahr auf russische und deutsche Geschichtsklitterer zu: das des „Vaterländischen Krieges“ 1941.

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