Kultur : Geschichte von oben und von unten Berlin debattiert über seine NS-Gedenkstätten

Christina Tilmann

Piefig, peinlich, provinziell? Oder pädagogisch besonders wertvoll? Sind die Berliner NS-Gedenkstätten auf der Höhe der internationalen Forschung? Oder veraltet, verstaubt und reformunfähig? Darüber wird diskutiert, seit Kulturstaatsministerin Christina Weiss Anfang Februar verkündete, die vier Erinnerungsorte Topographie des Terrors, Haus der Wannseekonferenz, Gedenkstätte deutscher Widerstand und den Ort der Information am Holocaust-Mahnmal in einer Gedenkstiftung vereinen zu wollen.

Was am Dienstagnachmittag auf einem Kolloquium im Berliner Gropius-Bau verhandelt wurde, war daher weniger das überarbeitete Konzept einer NS-Gedenkstättenstiftung, die bis Ende des Jahres als Gesetz vorliegen soll, als die grundsätzlichere Frage, wie in der Hauptstadt der Täter mit der NS-Vergangenheit umzugehen sei. Genügt es, die bestehenden Institutionen in eine lose oder fester geknüpfte Stiftungsstruktur einzubinden? Wo werden, so Hans-Erhard Haverkampf, Direktor der Mahnmal-Stiftung, künftig Querschnittsthemen behandelt, die sich unter keines der Profile fassen lassen? Und wo, fragt der Freiburger Historiker Ulrich Herbert, informiert sich der Berlin-Besucher, der einen ersten Zugang zur NS–Geschichte in Berlin sucht?

Der Ruf geht nach einer Gesamtdarstellung der NS-Geschichte in Berlin. Und nicht nur der Historiker Götz Aly schielt sehnsüchtig nach den Schlangen, die sich Tag für Tag in Washington vor dem Holocaust Museum bilden. Aber ein zentrales NS–Museum gibt es in Berlin nun einmal nicht, und die Dauerausstellung des DHM wird, wenn sie denn eröffnet, das Thema zwar zentral behandeln, aber eben nicht nur das. Auch die Topographie des Terrors, nun zum zentralen Erinnerungsort erklärt, ist von ihrer Genese und Ausstattung her anders fokussiert. Und der Ort der Information, von Michael Naumann einst aus dem Wunsch nach Grundinformation durchgesetzt, verschärft das Problem noch. Denn die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals am 10. Mai wird das Gewicht unter den Gedenkstätten verschieben. „Das Mahnmal wird ein Erfolg“, prophezeiht Götz Aly. Und alle anderen in den Schatten stellen?

Auch der Konflikt zwischen Geschichte von oben und Geschichte von unten spitzt sich zu. Die Berliner Erinnerungsorte, erwachsen aus „bürgerschaftlichen Engagement“, leben von der Besonderheit des authentischen Ortes, davon, dass sich Menschen ihrer Verantwortung stellen für das, was in ihrer Stadt geschehen ist. Daher die besondere pädagogische Kraft, die noch heute spürbar ist. Das neue Gedenkstättenkonzept ist das genaue Gegenteil: der Versuch, eine differenzierte, vielleicht auch diffuse Gedenklandschaft von oben zu ordnen und zu systematisieren. Nicht umsonst erkennt der Kasseler Professor Dietfrid Krause-Vilmar in dem Konzept den Ausfluss staatlichen „Ordnungsdenkens“. Die Angst vor Pluralität, die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit: Sie scheint, auch hier, der Geist unserer Zeit.

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