Kultur : Geschichte wiederholt sich

In einer gewichtigen Limousine rollen gewichtige Männer an und gehen in den Vorführraum.Auf der Leinwand ein Pfänderspiel, eine Orgie der Neuen Reichen.Dann fallen Schüsse.Ein Junge hat nebenan eine Maschinenpistole ausgepackt und feuert sie ins Off.Eine Putzfrau hört im Flur die Schüsse und macht den Vorführer darauf aufmerksam, daß er den Film mit der falschen Rolle angefangen hat.

Der bisher letzte Film des in Frankreich lebenden Georgiers Otar Iosseliani ("Günstlinge des Mondes") heißt "Briganten" - Brigands, chap¬¤tre VII - und trägt seinen (deutschen) Untertitel zu Recht.Denn es ist ein wahrhaft brillantes Schurkenstück an filmischer Intelligenz über das unerhörte Schurkenstück, das sich Geschichte nennt und immer das gleiche bleibt.Deshalb kann der Film gleichzeitig auf drei, vier Zeitebenen spielen: Mittelalter in Georgien, Gegenwart in Paris, die Zeit des Stalinismus und der Bürgerkrieg von heute: es sind immer die gleichen Schurkereien und Grausamkeiten, wenn es darum geht, etwas in Besitz zu nehmen oder zu behalten.Etwa die mit schmiedeeisernem Keuschheitsgürtel nur unzulänglich gesicherte Treue einer Frau im Feudalismus, eine bourgeoise Wohnung für den wie Stalin ganz in Weiß gekleideten Oberschurken der Revolution, oder der Häuserkampf im Bürgerkrieg.

Den nimmt der sardonisch-sarkastische Film am wenigsten ernst, weil man sonst geradezu verzweifeln müßte.So aber können Straßenpassanten mit der Besatzung einer Flak haarklein über die richtige Ausrichtung des Geschützrohrs debattieren, oder ein Mann, der sich gerade eine Flasche Wein besorgt hat, kann sich indigniert umblicken, wenn neben ihm mal wieder ein Geschoß in den ohnehin bröckelnden Putz einer Hauswand einschlägt.

Mit größerer Erbitterung wird mit den Verbrechen des Stalinismus abgerechnet: ein Taschendieb, von den Kommunisten noch zur Revolutionszeit gekeilt, kann sich als Diktator endlich den Reichtum sichern, nach dem er schon seit langem giert; er umgibt sich mit Luxus, wozu auch Kultur zählt.

Es sind in allen Epochen die gleichen Schauspieler am Werk, womit noch einmal der Geschichtsfatalismus des Films unterstrichen wird.Dann aber ist der ewige Schurke, gespielt von Amiran Amiranaschwili, auch Vano, ein Clochard in Paris, sowie der Künstler, der zusammen mit Freunden ein friedliches Picknick macht, während die Briganten des Bürgerkriegs an ihnen vorbei brandschatzend und mordbrennend durch die Idylle der georgischen Berge ziehen.

"Briganten" ist auch ein Exkurs in die Filmgeschichte.Zum Beispiel in den Stumfilm: Das ganze Mittelalter-Melodram um den König, der erschöpft aus der Schlacht heimkehrt und neben seiner schlafenden Frau, der er sich unter der Decke mit dem Schlüssel nähert, das geöffnete Keuschheitskorsett auf dem Nachtisch findet, ist auch gestisch wie in den zwanziger Jahren inszeniert.Doch dann legt die schöne, überschlanke Frau ihren langen weißen Hals auf den Holzblock.Und bevor die Axt endgültig niedersaust, blinzelt sie mit einem Auge dem König zu.Iosselianis Film blinzelt mit beiden.PETER W.JANSEN

Broadway und Hackesche Höfe

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