Kultur : Geschichte wird gebaut

Sehnsuchtsort der Nation: Dresdens 800. Geburtstag ist ein gesamtdeutsches Fest – und bekräftigt den Mythos der Stadt

Bernhard Schulz

Die erste schriftliche Erwähnung Dresdens, an einem 31. März vor 800 Jahren, fiel eher beiläufig aus. Erst die Teilung Sachsens 1485 machte Dresden zur Residenz des albertinischen Teilgebiets. Doch erst unter den beiden Kurfürsten, die sich ab 1697 zugleich die polnische Königskrone aufsetzen durften, August dem Starken und seinem Sohn August III., wuchs Dresden zu jener europäischen Bedeutung heran, von der die Stadt seither zehrt. Der Aufstieg gelang in atemberaubender Schnelligkeit – ungeachtet der Beschaulichkeit, die Bernardo Bellotto, der seinem Namen den seines venezianischen Onkels Canaletto hinzufügte, als Hofmaler in der Mitte des 18. Jahrhunderts von Elb-Florenz festhielt.

Elb-Florenz – der Begriff begann sich erst im späten 19. Jahrhundert einzubürgern. Da war längst eine große Vergangenheit zur Hand, auf die zu schauen Stolz bereitete. August der Starke, der sich wie kein zweiter europäischer Fürst am Vorbild des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. orientierte, gab Unsummen zur repräsentativen Ausgestaltung seiner Residenz aus – sowohl mit Baulichkeiten wie auch mit Schätzen, die er voller Stolz präsentierte wie ein reich beschenktes Kind zu Weihnachten.

In jener Zeit entstand, was als „Mythos Dresden“ Bestand gewann und heute wirkungsmächtiger scheint denn je. Das beschauliche Dresden des 19. Jahrhunderts sonnte sich allein in seiner spätbarocken Rückständigkeit, und dies umso mehr im wilhelminischen Kaiserreich, als die politische Bedeutung des unterdessen zum eigenen Königreich erhobenen Sachsens gering war, die kulturelle hingegen umso stärker strahlte.

Ja, Dresden leuchtete, wie es doch immer von München behauptet wird. Im Gefühlshaushalt des vereinten Deutschland seit der Wende von 1989/90 indessen hat Dresden der bayerischen Metropole den Rang abgelaufen. Keinen zweiten Ort gibt es, schon gar nicht in den „neuen“ Bundesländern, der Dresden darin gleich käme, nicht einmal Weimar, das als Stadt Goethes und Schillers stets fest umrissene Gestalt besaß.

Der Mythos Dresdens hingegen hat einen ungeheuren Riss bekommen – und ist damit, paradox genug, nur noch deutlicher hervorgetreten. Denn Dresden stand Jahrzehnte lang für die endgültige Zerstörung, für die Vernichtung, mit der die Deutschen 1939 begonnen hatten und für die ausgerechnet das kunstsinnige Dresden so unvorstellbar büßen musste. Die Zerstörung der Stadt markierte den logischen Kontrapunkt jenes Sturms, den die deutsche „Lebensraumpolitik“ entfesselt hatte. Nach dem verheerenden Bombenangriff vom Februar 1945, so schien es jedenfalls den Einwohnern der Stadt, konnte es keinen „Wiederaufbau“ geben, wie er in den Westzonen in verharmlosender Geschichtsverdrängung unverdrossen betrieben wurde. 1945 war für Dresden der Endpunkt.

Und war es eben doch nicht. Denn wenn etwas über die materielle Zerstörung – von den Zehntausenden Opfern des Feuersturms vom Februar 1945 gar nicht erst zu reden – fortbestand, so war es der Dresden-Mythos, der nun, da ihm die Anschauung einer gebauten Realität so vollständig abhanden gekommen war, erst recht zu blühen begann. Mit dem „Mythos Dresden“ beschäftigt sich die soeben unter diesem Titel eröffnete Ausstellung des Hygiene-Museums – eine der wenigen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts im Bild der Stadt – an Hand von fünf Kapiteln, die weniger eine Chronologie, als eine Mentalitätsgeschichte vorführen. Sie beginnt, nicht ohne Hintersinn, mit einem Kapitel „Luftschlösser“.

Denn Dresdens ganze Geschichte kann man poetisch als ein Wirklichkeit gewordenes Traumbildes auffassen. Luftschlösser an Planungen gab es ohnehin, bis zu jener neo-expressionistischen Kunsthalle, die nach der Wende etwas Moderne in die Stadt bringen sollte und am Widerstand der Bürger scheiterte. Auch das gehört zu den Paradoxa der Elbmetropole. Denn die Wiedergeburt Dresdens, die ganz zaghaft schon in den Fünfzigerjahren begann, wurde ja getragen von einem auch von der SED-Proletarisierungspolitik nicht gänzlich zum Schweigen zu bringenden Bürgertum. Fritz Löffler, der Chronist der Stadt und Mahner ihrer Verluste, veröffentlichte bereits 1955 sein Buch „Das alte Dresden“, das der SED-Obrigkeit mit ihren radikalen Neubauplänen kaum gefallen konnte, dennoch zu DDR-Zeiten zehn Auflagen erlebte und stets nur als „Bückware“ erhältlich bliebt. Das Buch, konstatiert die Mythos-Ausstellung zum ausgestellten Exemplar des begehrten Buches, „wurde zum Manifest für den Wiederaufbau des alten Dresden“.

Löffler hat ihn nicht mehr erlebt, er starb 88-jährig ein Jahr vor der Wende. Ernst Nadler hingegen, 1945 zum „Denkmalpfleger“ jener 15 Quadratkilometer großen und 12 Millionen Kubikmeter Schutt aufhäufenden Trümmerwüste namens Dresden ernannt, konnte noch 94-jährig die Eintragung des „Mittleren Elbetales“ auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes im Jahr 2004 feiern.

Erst allmählich bediente sich die DDR jenes Gefühlspotenzials, das in Dresden immer schlummerte, und bediente es etwa mit dem glanzvollen Wiederaufbau der Semperoper 1985. Beziehungsvoll wurde es am 13. Februar eröffnet, dem 40. Jahrestag des 1000-Bomber-Angriffs. Ihn hatten bereits die Nazis in einer ihrer letzten Propagandaaktionen instrumentalisiert – und die DDR folgte darin im Kalten Krieg mit einer Frontstellung gegen den „angloamerikanischen Imperialismus“. Zugleich ließ die SED, die andererseits tausende wiederaufbaufähiger Ruinen im Stadtinneren abräumen ließ, Zwinger und Gemäldegalerie wiedererstehen, letztere, um sie 1958 mit den unter großem Öffentlichkeitsgetöse aus der Sowjetunion heimgekehrten Schätzen bestücken zu können.

Da wurde eben der ursprüngliche Mythos, der der augusteischen Kunstmetropole, machtvoll ins Bewusstsein zurückgerufen. Wer heutzutage die Sempergalerie mit ihren überquellenden Reichtümern italienischer und niederländischer Malerei durchwandert, erfährt ein beglückendes Hochgefühl. Wie wird es erst sein, wenn auch das minuziös rekonstruierte Grüne Gewölbe Augusts des Starken im Residenzschloss – der nach der Frauenkirche wichtigsten Bau- und Geschichtsstelle der Stadt – im kommenden September wiedereröffnet sein wird!

An die verwickelte Mythen-Geschichte konnte das Dresden des wiedervereinten Deutschland kraftvoll anknüpfen. Der Neubau der Frauenkirche – dort, wo sich zuvor nur ein schwärzlich verkohlter Steinhaufen türmte – wurde im vergangenen Herbst zum leuchtenden Symbol einer Wiedererstehung, das weit über den Bau selbst und die Stadt hinausreicht. 650 000 Besucher haben die Frauenkirche seit Anfang Oktober gesehen, eine unglaubliche Zahl – die doch so viel sagt über die Kraft der Symbole. Denn die wiedererstandene Kirche ist zum Symbol eines mit sich selbst zu Rande gekommenen Deutschland geworden, ein Symbol der Versöhnung mit uns selbst.

Denn mag auch die Wiederrrichtung des kühnen Kirchbaus noch so wundersam erscheinen, so kann doch keinem Besucher entgehen, dass sich die Spuren des Krieges aus Dresdens Antlitz nie mehr werden tilgen lassen. Das zu sehen, bedarf es nur weniger Schritte abseits des Zentrums. Da wirkt die historisierende Bebauung, mit der die Frauenkirche derzeit eingefasst wird – gerade so, als ob man die entsprechenden Ansichten Bellottos wieder ins Recht setzen wollte –, eher wie Kulissenzauber.

Aber dass ein solcher Wiederaufbau möglich war, dass Geschichte aus tagtäglich bedrängender Gegenwart tatsächlich zu Geschichte werden kann – dafür stehen Frauenkirche und Dresdens barocke Mitte. Das macht die Stadt zu jenem Sehnsuchtsort der Nation, als den ihn die Tourismusstatistiken so offenkundig ausweisen. Gewiss, das ist Geschichtsrelativismus – wie sich denn alle Vergangenheit durch die Zeit relativiert. Aber es ist ein Perspektivwechsel mit glücklichem Ausgang. Denn erst im unauslöschlichen Bewusstsein der vollständigen Zerstörung von 1945 und damit im Bewusstsein der historischen Schuld erlebt Dresden seine Wiedergeburt. Dafür steht das neue, mit einem Hauch Potemkin nur umso sympathischere Elb-Florenz. Und nur deswegen kann Dresdens 800. Stadtgeburtstag zu einem gesamtdeutschen Fest werden.

Die Ausstellung Mythos Dresden. Eine kulturhistorische Revue im Deutschen Hygiene-Museum (Lingnerplatz 1) ist bis 31. Dezember geöffnet; Katalog im Boehlau Verlag, Köln, 14,90 €.

Aus der Fülle neuer Bücher zu Dresden seien genannt: Wolfgang Hädecke: Dresden. Die Geschichte von Glanz, Katastrophe und Aufbruch. Carl Hanser Verlag, München 2006. 416 S., 25,90 €.

Dresden. Vaterstadt 1945/2005, Fotos von Jochen und Harf Zimmermann. Nicolai Verlag, Berlin 2005. 120 S., 19,90 €. – Dresdner Geschichtsverein: Dresdner Hefte 84,

Mythos Dresden, 4 €. Mit Beiträgen u.a. von Friedrich Dieckmann.

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