• Geschichten aus dem griechischen Alltag (10): Aufs Festland: Inseln lieben kann doch jeder!

Geschichten aus dem griechischen Alltag (10): Aufs Festland : Inseln lieben kann doch jeder!

Das traditionelle Griechenlandbild ist das der Außenbeobachter, die ein Land der Inselromantik preisen. Dabei gibt es in der Natur wesentlich mehr schützenswertes zu entdecken als die Postkartenidylle.

Amanda Michalopoulou
Im nördlichen Pindos-Gebirge befindet sich der größte Nationalpark auf dem griechischen Festland
Natur pur: Im nördlichen Pindos-Gebirge befindet sich der größte Nationalpark auf dem griechischen FestlandFoto: imago/blickwinkel

Das Festival von Vovousa in der Provinz Epiros im nördlichen Pindos-Gebirge ist ein einzigartiger kultureller Protest, ein Kampf um den Naturschutz. Der Plan für den Bau eines zweiten Staudamms im Fluss Aóos ist ein Projekt großer Interessengruppen. Und er hat – wie es gemeinhin bei solchen Projekten der Fall ist, die versuchen, einen Fluss in die umgekehrte Richtung zu lenken – gleich eine ganze Gesellschaft mobilisiert. Die Bewohner der weiteren Region protestieren nicht nur über Eingaben beim Ministerium und mit Gutachten des Nationalparks, sondern auch mit Filmvorführungen, Seminaren, Vorträgen und sogar Mountainbikerennen.

Mein Vortrag behandelte den „Ort in der Literatur“. Als ich in Vovousa ankam, revidierte ich rigoros alles, was ich ursprünglich hatte sagen wollen. Es war mir ziemlich peinlich, dass ich so gar nichts über den Nationalpark Nord-Pindos wusste, immerhin den größten Nationalpark auf dem griechischen Festland. Antonis Stangojannis, unser Wirt, der auch als Fremdenführer im Park tätig ist, sagte uns, dass in diesem Nationalpark zwei bereits vorher bestehende Nationalparks enthalten sind, elf Gebiete des Europäischen Schutzgebietsnetzwerks „Natura 2000“ und elf Arten- und Habitatschutzgebiete (FFH). Aber er musste uns gar nicht viel erzählen. Die Natur hat ihre eigene Faszination. Unsere Wanderung durch den Heiligen Wald von Agia Paraskevi (die Bezeichnung „Heiliger Wald“ hatten unsere Vorfahren einst verwendet, um die Natur ohne Gesetze zu schützen) erwies sich als die beste Lehre – und führte zur Bekanntschaft mit einem unberührten, gebirgigen Griechenland mit uralten Wäldern.

Das eigene Land durch Brille der anderen sehen

In meinem Seminar habe ich dann über die Zensur des Gebirgslebens in unserer Nationalliteratur gesprochen, die keine schlammigen Orte, Zwergadler, Kermeseichen und dergleichen in den Kanon der Schullektüre aufnehmen wollte, sondern der Darstellung eines fast rein insularen Griechenlands den Vorzug gab. Unsere beiden Nobelpreisträger, die Lyriker Giorgios Seferis und Odysseas Elytis, haben hauptsächlich die Sonne der Ägäis besungen, „Lichtbäume“ und „Kleine Matrosen“ (Gedichttitel von Elytis).

So haben wir im Katalog der Nationalliteratur – der wie jeder nationale Katalog die Landschaft popularisiert und das Bewusstsein lenkt –, den Duft der Wälder und der nassen Erde, die Kiefern und die Buchenwälder mit ihrem tiefen Schatten verloren. Doch der Fehler liegt nicht nur bei uns. Wie immer haben die Griechen auch auf diesem Gebiet ihr Land durch die Brille der anderen gesehen – Verehrer, Reisende, Fotografen, Archäologen, Historiker, die in Griechenland hauptsächlich die Tradition der Inselwelt suchten und mit ihr eine romantische Beziehung eingingen.

Nicht nur den Sonnenuntergang schützen

So wurde ein Wunschgriechentum geschaffen, eine Postkartenidylle der Sehnsucht nach dem Süden, nach Jasmin und den weiß gekalkten Häusern der Kykladen. Aber auch hier bedarf es einer Quotierung. Nicht nur in der Literatur, sondern auch im Leben: Zum Beispiel sollten nicht alle europäischen Hilfsgelder in die Entschädigung der Bauern (für erfrorene Orangen) fließen, sondern auch in die Hände von Viehzüchtern, die in Biotopen wie diesem auf dem Pindos leben und sich mit den wild lebenden Tieren vertraut machen müssen, um sie nicht als Feinde zu sehen.

Schmutzgeier
Schmutzgeier sind vom Aussterben bedroht.Foto: imago/blickwinkel

Nicht nur der Sonnenuntergang auf den Kykladen ist romantisch, sondern auch das letzte Schmutzgeierpaar – seltene Greifvögel, die global vom Aussterben bedroht sind –, das im Nationalpark Nord-Pindos lebt.

Amanda Michalopoulou, Jahrgang 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen und auf den Inseln. Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. – Aus dem Griechischen übersetzt von Birgit Hildebrand.

Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. Die letzten Folgen waren Olivenöl läuft besser und Wanderer, kommst du nach Donoussa.

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