Kultur : Geschichten, die das Lesen schreibt

Vor einem Jahr gründete Heinrich von Berenberg seinen Verlag. Mit Biografien besetzt er eine Marktnische

Jörg Plath

Ein Jungverleger sieht nicht unbedingt verwegener und verwuschelter aus, aber doch etwas jünger. Heinrich von Berenberg ist Jahrgang 1950 und besitzt eine gemäßigte Bohemien-Ausstrahlung, gepaart aus solider bürgerlicher Bildung und nervöser Neugier. Er ist kein blutiger Anfänger, sondern ein alter Hase, der A. L. Kennedy, Michel Houellebecq und Rafael Chirbes für den deutschen Leser entdeckt hat. Als das Branchenblatt „Buchmarkt“ den Newcomer auszeichnete, nannte es ihn einen „erfahrenen Jung-Verleger“ – die Formulierung entlockt Berenberg ein verlegenes Lächeln. Ein Jahr gibt es seinen Verlag jetzt, und dessen jüngstes Plakat zitiert auf knalligem Gelb Winston Churchill: „Das Schlimmste haben wir hinter uns“.

Man sollte sich vom Signet des Berenberg Verlags, dem Schattenriss eines gedrungenen Athleten unter gefährlich durchhängender Gewichtstange, nicht kirre machen lassen: Seine Galionsfigur ist der dem Sport abholde Winston. Der englische Premier, Literaturnobelpreisträger und Hitlerbesieger war ein knurriges Original, und um Originale geht es Berenberg, wenn er biografische und autobiografische Literatur verlegt: „Das ist auch ein voyeuristisches Vergnügen. Ich möchte mit anderen Lebensentwürfen Bekanntschaft schließen.“

Das gilt selbst für die Biografen: Berenberg würdigt den unbekannten, eher zwielichtigen Josep Pla, dessen Porträts von Dali und Gaudi er verlegt, in einem Nachwort. Fast übergangslos schwärmt er dann von einem Essay über die Verbrennung des in Italien ertrunkenen Shelley. Am Scheiterhaufen versammeln sich die künftigen Biografen, darunter Byron, die fünf voneinander abweichende Berichte über das denkwürdige Ereignis verfassen werden. Einer schreibt, Shelleys Körper sei aufgebrochen, und er habe sein Herz heraus- und mit sich genommen. Als Mary Shelley stirbt, findet sich in einem Band ihres „Frankenstein“ einStück Körpergewebe wie bei anderen Leuten Blumen. Es stammt wohl von der Leber. „So was finde ich einfach großartig“, wirft Heinrich von Berenberg die langen Arme in die Luft. „Das verbindet mich mit der Vergangenheit, nicht auf eine in Ehrfurcht erstarrte, sondern auf eine bizarre Weise.“ Der Biograf, dem sein Objekt nicht mehr hineinpfuschen kann, und das Leben schreiben die tollsten Geschichten.

Womit natürlich nichts über die Seriosität der alljährlich sieben, acht Bücher ausgesagt sein soll, die Heinrich von Berenberg und seine Frau Petra in den vorderen zwei Räumen ihrer großen Wilmersdorfer Wohnung entstehen lassen, nur über die Motive. Inmitten des Biografiebooms der letzten Jahre haben die Berenbergs einen Salon aufgemacht. Ihre Biografien, Autobiografien, Essays und Reisebeschreibungen mit literarischem Anspruch werfen geistreiche Seitenblicke auf Berühmte und Bekanntes. Sie behaupten inmitten zunehmender Uniformität das Abweichende, den subjektiven Blick. Berenbergs Antwort auf einen überfüllten und in der Krise befindlichen Buchmarkt lautet nicht, eine Nische zu suchen – sondern einen erhöhten Eckplatz auf dem besten Sofa mit guter Sicht nach allen Seiten, insbesondere nach hinten.

„Alte Liebeseier“ hat Berenberg mit Heinrich Heine diese Bücher genannt. Er konnte sie nämlich in keinem der vielen Verlage unterbringen, für die er tätig war, seit er Ende der Siebzigerjahre den Unterricht von Deutsch für Ausländer aufgegeben hatte, weil ihm ein Schüler aus Haiti den Konjunktiv erklären musste. Berenberg redigierte für Time Life Kochbücher, ging 1981 zu Syndikat und nach deren Pleite 1982 als Volontär zu Wagenbach. Ein Jahr später sollte er entlassen werden, es war kein Geld mehr da, aber Berenberg blieb – bis 1994. Dann folgten vier Jahre für Antje Kunstmann und wieder vier für Wagenbach, bis er fürchtete, zum „Familiensilber“ zu werden.

Also plante Berenberg für Kunstmann eine „Bibliothek der Lebensläufe“, vor der die Verlegerin schließlich zurückschreckte. „Wann, wenn nicht jetzt?“, dachte der Mittfünfziger, der bezweifelt, ob er Literatur von 25-Jährigen noch beurteilen kann. Er setzte sich mit Freund Rainer Groothuis zusammen, der als Wagenbachs Hersteller und Geschäftsführer einst die roten „Salto“-Bände erfunden hatte. Der Rest ist einjährige Geschichte.

Groothuis spricht von einem „Metropolenprogramm“ für ein Publikum, das nicht jeden Euro umdrehen müsse und eine ästhetische Gestaltung zu schätzen wisse: Buchrücken aus Halbleinen, farbige Vorsatzpapiere, schöner Satz auf weniger als 180 Seiten. Inzwischen hat sich der Band über die Zigarette mehr als 10000-mal verkauft, John Maynard Keynes’ Erinnerungen mehr als 5000-mal, Lytton Stracheys Essay über den englischen Kolonialgeneral Gordon 3000-mal. Das ist nicht übermäßig viel, aber kalkuliert wird zurückhaltend mit 2000 Exemplaren.

Inzwischen liebäugelt Berenberg mit der Literatur: Im Frühjahr kommt eine Chesterton-Auswahl von Joachim Kalka. Ob sich der Verlag trägt, ist noch ungewiss. Berenberg ist gelassen, geht es ihm doch ein wenig wie Aby Warburg, der auf seinen Anteil am Bankerbe verzichtete für die Zusage seiner Brüder, einige Bücher kaufen zu dürfen – und eine der größten Privatbibliotheken zusammentrug. Was ist anders für ihn geworden? Der Lektor lief den „eigenen Interessen bedingungslos“ hinterher, der Verleger hat ein „freieres Gefühl“ und darf alles selbst tun. „Ich muss mich auch mit Buchhaltung beschäftigen, und selbst das ist in Maßen ein Vergnügen: Ich weiß, warum ich es mache.“ „Oder das Adressenverwaltungsprogramm“, gruselt sich Petra von Berenberg. „Glücklicherweise ahnt man ja nicht vorher, was alles auf einen zukommt.“ Und wenn es dann da ist, hilft Winstons bärbeißige Zuversicht: „Das Schlimmste haben wir hinter uns.“

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